Und dann war da diese Lisa.

Oder: Der Weg eines Erzählers.

 

Ich muss (leider) ein wenig ausholen.

Früher oder später steht jeder Geschichtenerzähler, meist ziemlich am Anfang der Reise, vor einem nicht unerheblichen Problem. Was erzähle ich eigentlich? Schnappe ich mir einer meiner Kindermärchenbücher und benutze diese? Lege ich Schwerpunkte? Was gibt es eigentlich so? Ob irgendjemand Geschichten dieser zwei Brüder aus Hanau kennt? So viele „klassische“ Märchen kann es ja gar nicht geben, immerhin ist in den Bibliotheken ist die Anzahl der Regale ja schließlich übersichtlich und zudem das sind meist Bücher mit sehr, sehr großen Buchstaben.

Ich bin mal kalt ehrlich, natürlich interessierte ich mich als Kind für Märchen, dann glitt es ein wenig ab. Theoretisch waren immer noch eine Menge Märchen dazwischen, von Magret Weis, Tolkien, Oscar Wilde, H.P. Lovecraft, Terry Pratchett, etc, zudem liebte und liebe ich Disney, welche regelmäßig so manche Geschichte radikal umschrieb, doch auf das, was man in irgendeiner Form klassische Märchen nennen könnte, lag nie mein Schwerpunkt. Selbst in der Schule war ich eher dagegen, daß man sich mit so etwas beschäftigen sollte.

Euch überrascht es weniger als es mein früheres ich es getan hätte, daß sich dieser Standpunkt gravierend änderte. Selbst bei der Geburtsstunde von Tandaniel (auf einem Winterlarp in Köln [deswegen auch dieser hoch historische Name hüstel]) war der Erzähler noch meilenweit entfernt. Das ich schließlich dann doch ein Geschichtenerzähler wurde, war eher ein Zufallsprodukt aus der Not eines Veranstalters geboren. Ihm fehlte ein Erzähler, ich war so oder so als Musiker auf dem Mittelaltermarkt (Schloss Burg, so ganz nebenbei) und hatte in den Pausen Zeit… zumindest dachte ich das zu der Zeit, ohne zu wissen, daß ich mir eine weitaus härtere Aufgabe auferlegt hatte, als es das musizieren mit einer Band war (mal so „nebenbei dazu“).

In meinem Gepäck hatte ich ein wenig mehr als eine handvoll Geschichten und ich meine das so wortwörtlich, wie man diese Maßeinheit auf Geschichten anwenden könnte. Irgendetwas im einstelligen Bereich und die Auswahl war so innovativ wie man es von einem Studenten erwartet, der so gar keine Ahnung von Kindern hatte… oh, habe ich erwähnt das ich ausschließlich darauf eingestellt war, für Kinder zu erzählen?

Tetzner4

Das einzige was mich davor rettete an diesem ersten Auftrittswochenende nicht vollkommen unterzugehen, war mein Hang zur wilden Improvisation. Doch zwei Dinge vielen mir ebenfalls auf. Zum einen, auch wenn einige Jugendliche und jüngere Erwachsene sich anfangs ebenfalls die Auftritte ansahen, verschwanden sie doch relativ schnell, denn immerhin war es ein Kinderprogrammpunkt und…

das es ein Kinderprogrammpunkt war.

Zu dem Zeitpunkt kannte ich schon einige wenige, qualitativ höchst unterschiedliche Erzähler. Ebenfalls versuchte ich mehr Kontakt zu Leuten zu bekommen, welche sich an der Uni recht akademisch mit der Materie befassten, aber ein kleiner Beigeschmack blieb irgendwie. Dieses typische Klischee, tief verborgen in den Abgründen unseres Bewußtsein, welches sich seit der frühesten Kindheit und vor allem, dem Moment wo wir versuchen dieser zu entwachsen in unsere Schädel fräst. Dieser stetig dunkler werdende, alles verschlingende Schatten, welcher uns des Spaßes beraubt und dafür sorgt, daß wir Märchen einkategorisieren, weglegen und eigentlich erst wieder hervorholen, wenn wir Kinder bekommen.

197529_199364353431049_1153641_n

Märchen sind staubig, veraltet, langweilig, infantil! Sie werden von verstaubten Greisen, dem Leben zu fern (oder Leuten, welche pädagogische Berufe wählen, bei denen es egal ist wie jung, oder alt sie sind, da sie eine Aura der vorgespielten Harmlosigkeit um sich bilden, ihre Stimme mechanisch ein wenig zu hoch pitchen, damit sie nicht so einschüchternd wirken und sich so kleiden, als wären sie in Astrid Lindgren Büchern gefangen), Kindern, der Geburt zu nah, trocken, aus Büchern mit allzu großer Schrift und vollgestopft mit verblassten Bildern, vorgelesen (oder auswendig vorgetragen).

Ergibt ja auch einen Sinn. Wer denkt bei Geschichten über Zerstückelungen, Sodomie, garstige Flüche, Hungersnöte, Kannibalismus, Armut, Schicksalsschläge, Hexenverfolgung, Entführungen, Seitensprünge, ungewollte Schwangerschaften, Sklaverei nicht sofort daran, daß solche Themen die perfekten Kindergeschichten abgeben würden?

Natürlich gibt es durchaus andere und wunderschöne Themen, aber wir wollen mal meine Argumentationskette nicht schwächen.

Das anfängliche Problem blieb allerdings bestehen. Was erzählt man denn so und wo sucht man? Ebenfalls wurde die Frage immer wichtiger, für wen ich erzählen wollte.

Zu der Zeit war ich übermäßig fasziniert von nordischen Sagen und Legenden. Es war also naheliegend sich darauf zu konzentrieren. Ein Jahr auf der Bühne und zwei Seminare (über diese Kultur und deren Entstehung) später stellte ich fest, daß trotz der herrlichen Geschichten, mir ein ganz gewisser Funke fehlte, um sich darauf zu spezialisieren (zudem hatten mir zu viele des dafür geneigten Publikums abends am Lagerfeuer wirklich in Frage zu stellende Überzeugungen [die man zwar überall findet, aber es gibt halt Ballungszentren]), aber meine Lust auf Märchen stieg konstant an. Ebenfalls fühlte sich der Künstler in mir herausgefordert. Die Ursprungskunstform schlechthin, das Manifest der Zivilisationen, der Odem der Fantasie selbst und ich meisterte sie nicht und stolperte immer noch ein wenig hilflos umher. Durchschnitt sein durfte kein Ziel sein.

Eines stand fest; Auch wenn ich die Grimm durchaus verehre und ihre Sammlungen liebe, wollte ich nicht dort mit meinem ganz persönlichen Kader anfangen und sie auch nicht als Fundament benutzen. Zu naheliegend, zu erforscht, zu bekannt erschien es mir. Etliche eher dünne Sammlungen füllten mittlerweile meine Regale und ich las recht chaotisch in einem absolut nicht nachvollziehbaren Muster. Ich suchte (für die Zuhörer) relativ unbekannte Märchen, entwickelte immer mehr einen ganz gewissen, eigenen Erzählstil, fand so langsam meinen Rhythmus und begann ebenfalls ohne mit der Wimper zu zucken Märchen umzuschreiben, oder halt auch eigene zu kreieren. Für dieses Vorgehen wird man ganz nebenbei von der Deutschen Märchengesellschaft durchaus kritisiert. Ich ging dabei wie viele (altkluge) Künstler vor. Man beginnt automatisch beim konsumieren das Werk auf seine Brauchbarkeit zu analysieren. Ist es nicht tauglich, wird es schnell weggelegt und zum nächsten gegangen. Daran ist so gar nichts Verkehrtes, nur besteht die Gefahr das man weitaus zu oberflächlich bei seiner Recherche wird und schlimmer noch, die Lust am Lesen, an den Geschichten selbst verliert.

Und dann kam Lisa.

Ich begegnete Lisa an einem ziemlich perfektem Ort. Einem Bücherladen (die Bilder von mir mit dem Folianten in der Hand stammen aus diesem entzückendem Plätzchen). Man sollte Frauen viel öfters in Bücherläden begegnen! Als ich die ersten Worte von ihr vernahm, war sie seit 42 Jahren tot und in meiner Hand hielt ich ihre Märchensammlung „Die schönsten Märchen der Welt für 365 und einen Tag“. Lisa Tezner, 1957. Dieses sollte auch die erste mehrbändige Märchensammlung in meinem Regel werden (ja, die vollständigen Werke und Anmerkungen der Gebrüder Grimm kamen tatsächlich erst später).

Tetzner3Auf der Zugfahrt nach Hause, machte ich etwas, was ich zu dem Zeitpunkt höchst selten machte. Ich las zuerst ihre Einleitung.

Bevor unsere Welt in Not und Chaos gestürzt wurde…“

Die Arbeit an diesem Werk ging nicht nur durch mehrere Hände, sondern gleich zwei Weltkriegen und beabsichtigte wie viele andere „Märchensammlung um Märchensammlung, die dazu bestimmt schienen, eine ganz zu Unrecht nur in die Kinderstube abgedrängte Dichtung, wieder den Erwachsenen zugänglich zu machen.“

Ebenfalls war sie (und ihre Kollegen) darauf bedacht, jenseits der Grimm zu arbeiten (unter anderem aus hohen Respekt vor den beiden, da sie nie ein abdrängen der Sammlungen wünschten), was ja auch mein Wunsch war, doch ziemlich am Ende schrieb sie noch etwas, was für mich schon immer ein Leitspruch war und bleiben wird: „Denn das Märchen will „erzählt“ werden. Es war „Rede“ und nicht „Schreibe“, die in Lettern gesetzt dazu bestimmt war, Literatur zu werden.“

Ich beschäftigte mich ein wenig mehr mit dieser fantastischen Frau, die Hermann Hesse als „Die wohl beste Märchenerzählerin der Welt“ bezeichnete. Zwei Weltkriege hat sie erlebt und wie so viele andere wurde sie von der braunen Meute gejagt und aus dem Land vertrieben (nach ihrer Flucht blieb sie bis zum Ende ihres Lebens in der Schweiz). Sie schrieb „Siebenschön“, „Was am See geschah“, „Der kleine Su“, „Erlebnisse und Abenteuer der Kinder aus Nr. 67“, Förderin phantastischer Kinderliteratur (wir haben es durchaus ihr zu verdanken, daß wir Pippi Langstrumpf so selbstverständlich kennen), zahllos anderes und sie war halt auch eine hervorragende Märchenerzählerin.

Ohne es zu wissen, werden mehrere von euch ein durch ihre Hand geprägtes Werk im Bücherregal haben, denn ebenfalls übersetzte sie das erste Narniabuch von C.S. Lewis.

Erneut zeigte sich, wie klein die Welt sein kann. Aus der Feder ihres Mannes (Kurt Held [Kläber mit richtigem Namen]) stammte einer meiner Kindheitsheldinnen und zwar die rote Zora.

Warum auch immer inspirierte sie mich dazu, Märchen tatsächlich intensiver zu erforschen. Ihren Ursprung, mögliche Deutungsformen, andere Versionen der gleichen Geschichte… also außerhalb von verpflichtenden Seminararbeiten.

Dadurch war ab diesem Punkt auch die Anhäufung der Märchen ein wenig mehr gegliedert. Nicht durch Länder (Erzähler sollten immer aus aller Welt erzählen, zudem war wieder sie beteiligt an den verschiedensten Sammlungen, aus allen möglichen Ländern überall auf dem Globus [was ich ebenfalls erst später erfuhr]), nicht wirklich linear, sondern durch eine Frau und ihren Einfluss, den sie auf die Kunst des Märchenerzählens hatte.

Immer wenn ich mit der Bahn zu Auftritten unterwegs war, schleppte ich mindestens drei Bücher mit mir herum, aber eines von Lisa war meist dabei (auch da es von Vorteil ist, große Hardcoverbücher in einem Rucksack zu packen).

Nun mögen sich einige Fragen, warum schreibe ich so etwas überhaupt und warum heute?

Lisa Tetzner 10.11.1894 wäre heute 124 Jahre alt geworden.

Tot? Vielleicht, aber dennoch lebendig bei uns wie eine Nebelkerze, denn solange ihre Werke und ihr Handeln uns begleiten, ist sie nicht wirklich fort (und für die, welche mich auf Märkten und den Bühnen hören, wird immer ein Teil von ihr dabei sein).

Happy Birthday Lisa. 😉

 

Tetzner

Advertisements

Huckarde 08. – 09.09.18

Seit acht Jahren nun ist der Mittelaltermarkt um die Urbanus-Kirche ein irgendwie spezieller Markt auf meiner Liste, immerhin hat man ihn von den allerersten Schritten an erlebt. Zudem sind Märkte in der eigenen Stadt einfach auch eine sehr angenehme Angelegenheit, da es schon ein Unterschied ist, ob man 700 Kilometer entfernt 12 Stunden im potentiellen Regen steht und am nächsten Tag zitternd in die vom Vortag noch nassen Klamotten steigen darf (ein sehr…. individuelles Gefühl), oder ob man halt die Möglichkeit hat nach Hause zu fahren, mit seiner Katze auf dem Schoß, einem guten Buch (in dem Fall Harry Potter and the Order of the Phoenix) und einer warmen Tasse Tee mit einem Spritzer Honig den Abend ausklingen lassen kann.

Ebenfalls ist es auch recht spannend festzustellen wie sich so die Einwohner der eigenen Stadt auf einem Markt und einem Straßenfest verhalten, wenn man selbst Akteur ist. Man sieht sie halt schon mit anderen Augen und aus einer ganz anderen Sicht. Nicht umsonst sagte ein antiker Schriftgelehrte mal: Ein Prophet gilt nirgends weniger als in seinem eigenem Land und in seinem Hause.“

Da fällt mir ein… ich werde diesen antiken Herren noch einmal am Ende diesen Berichtes zitieren.

Koboldschmiede

Dieses Jahr gab es dabei gleich zwei Besonderheiten. Zum einen war es der letzte Mark auf dem ich in der legendäre Koboldschmiede residieren durfte. Ohne jede Übertreibung einer der besten Mittelaltermarkttavernen. Nicht nur, da sich über die Jahre hinweg eine besondere Freundschaft zu den Betreibern entwickelt hat, nein, es mutierte zu einer Art Ruhepunkt und gleichzeitig idealer Auftrittsort in einem. Man hat dort halt nicht lediglich einen kleinen Standplatz, an dem es beim bestellen des Metbieres mal überdacht ist, oder zwei Bänke vor der Schenke, an denen man sich vielleicht sogar überdacht kurz hinsetzen kann, nein, diese Taverne verdient den Namen Taverne! Es gibt halt schon immense Unterschiede zwischen einem Ausschanksort, oder einem Begriff der ein Gebäude beschreibt.

Komplett überdacht, ausreichend vorhandene Tische, „Wände“ drum herum, sogar je nach Wetterlage „Fensterchen“, des nachtens alles romantisch mit Kerzen beleuchtet, gute (!) Weine im Repertoire, frisch gezapftes Metbier, kompetente, nette (nein, das ist nicht selbstverständlich) Wirte hinter dem Tresen und genügend Platz, um dem Begriff41359668_1366208110148258_2005846613104263168_n Tavernenkonzert eine durchaus buchstäbliche Bedeutung zu geben. Im Laufe der Zeit mutierte dieser einherziehende Ort immer mehr zu einen meiner beliebtesten Auftrittsorte, da man dort tatsächlich alles hatte, was man sich wünschen konnte.

Ebenfalls nahm die Koboldschmiede eine Sonderstellung bei dem Sprichwörtchen „Den Spielmann findet man in der Taverne“, denn ja, nicht nur das ich dort auftrat und böse Zungen behaupten, es gäbe Abende bei denen man mich erwischte, wie ich flüchtig an einen Humpen nippte, nein, dank der besonderen Beziehung zu den Wirten wurde es im Laufe der Zeit auch oft mein Nachtlager. Also jetzt nicht im Sinne man macht solange, bis die Kraft aus dem Körper entweicht und am nächsten Morgen findet man einen, sabbernd in einer Fütze von Fusel klebend am letzten Tisch, sondern tatsächlich das geplante Nachtlager.

All dies hatte zur Folge das Geschichten geschahen, die einen so mancher nicht glauben würde und selbst einigen Hübschnerinen die Schamesröte ins Gesicht treiben würde (… und den Betreibern selbst). Diese Taverne war halt schon für einige Märkte eine Art Heim. Ich werde euch aufrichtig vermissen Jungs.

41310806_548799855578351_4235908433368317952_o

Die andere Besonderheit war die Entgleisung einer Idee für ein Foto. Eigentlich war nur ein kleines Foto geplant, aber ich dachte mir, wenn man schon Fotos macht, warum nicht dort, wo ich sie nie machen würde? Ich meine, der Markt heißt ja schließlich Mittelaltermarkt um die Urbanus-Kirche! Kirche! Wenn schon ein Foto in der Kirche, dann einmal richtig. Der Überwurf eines Templersergents war schnell besorgt, nach einigen Schritten war klar das ich nicht in Flammen aufgehen würde und zwei, drei Fotos wurden geschossen. Ich bin nun bekannt eher faul zu sein, wenn es heißt sich umzuziehen. Also ließ ich die extremst ungewohnte Gewandung an mit einem doch überraschenden Ergebnis. Immerhin ist es mich mit einer Templergewandung und einem Kreuz zu sehen so wahrscheinlich, wie ein weiblicher Papst. Selten, aber von jetzt an kann man sagen, beides kam vor.

Es war faszinierend die Blicke zu studieren, welche einen da entgegenschlugen. Nicht nur die fragenden der Aktiven, welche sich einfach nur nicht im Klaren waren, was um alles in der Welt da schief gelaufen war, nein, auch das Verhalten der Gäste des Marktes mir gegenüber änderte sich. Bei Weitem nicht mehr so ungezwungen und eine Spur… nennen wir es formeller. Auch beim Erzählen der Geschichten merkte ich, wie sich die Chemie subtil änderte. Nicht nur wenn ich relativ offen über Unstimmigkeiten in gewissen als heilig titulierten Schriften sprach (eine Verpflichtung in solch einer Gewandung), sondern im Allgemeinen. Allerdings macht es vollkommen Spaß dann manisch zu keifen: „Ihr blinden Anführer! Ihr siebt euer Wasser durch, damit ihr nicht 41299969_548799095578427_4197959283456868352_naus Versehen eine Mücke verschluckt, und dann verschluckt ihr ein Kamel! Euch Schriftgelehrten und Pharisäern wird es schlimm ergehen. Ihr Heuchler! Sorgfältig achtet ihr darauf, dass eure Tassen und Teller nach außen sauber sind, doch innerlich seid ihr durch und durch verdorben – voller Missgunst und Maßlosigkeit! Ihr blinden Pharisäer! Wascht erst einmal die Tasse von innen aus; das Äußere wird dann von selbst sauber. Euch Schriftgelehrten und Pharisäern wird es schlimm ergehen. Ihr Heuchler! Ihr seid wie weiß getünchte Gräber – mit einer sauberen, ordentlichen Außenseite, doch innen voller Gebeine und Schmutz.“ Ihr hörtet Auszüge aus Matthäus 23. Lohnt sich immer zum auskotzen. Otternbrut fand ich auch stets ein viel zu selten benutztes Wort.

Ist man ein wenig bibeltextsicher, also wie jemand, der das Buch gelesen hat und nicht lediglich sich paar Stellen herauspickt, kann es ein gemeiner Spiegel sein.

Wie gesagt, eine sehr interessante und lehrsame Erfahrung, dennoch werde ich in Zukunft nun nicht als Lästermönch (Lästertempler klingt nicht so gut) durch die Gegend ziehen (lustig allerdings wäre es), sondern bleibe der, der ich bin.

41238436_548799342245069_8801106872540069888_o

Dager av Ulver (Velden 31.08. – 02.09.18)

Seit Jahren spare ich mir die Schilderungen der Auftritte ansich in meinen Tourberichten. Absichtlich verfalle ich nicht der rhetorischen Schmalspurigkeit einiger Bands und Kollegen zu Opfer, zur Abwechslung zu sagen wie einzigartig das Publikum doch war (man beachte das Ende diesen Textes ;)). Es ist ja schön wenn es tatsächlich mal stimmt, aber wenn man sich stets wie eine defekte Schallplatte (an dieser Stelle bitte ich die Millenias selbstständig zu googeln, wovon ich hier schreibe) wiederholt, verwässert die Aussage dermaßen, daß man sie sich gleich schenken könnte und meiner Meinung nach auch sollte. Welchen Verstand möchte man denn bitte beleidigen, wenn man im Wochentakt eine andere Schar von Menschen als einzigartig klassifiziert, nur um eine Woche später zu dem Ergebnis zu kommen, die waren ja ganz nett, aber eigentlich sind die jetzigen besser? Vielleicht vergessen auch so einige Künstler schlichtweg durch exzessive Aftershowpartys wie der Auftritt war und wiederholen sich deswegen so oft… oder sie wurden mit den Jahren senil… man weiß es nicht.

Zumindest fand ich es immer interessanter über Dinge zu schreiben, die halt nicht selbstverständlich sind und welche nicht zu dem gehören, was auf der Bühne passiert. Nach wie vor, für diejenigen die darüber Bescheid wissen wollen, besucht die Auftritte und urteilt selbst. Ergibt einfach mehr Sinn und wir alle haben mehr Publikum. Zudem bot mir ein definitiv überteuerter Joker bislang genügend Stoff, um damit Seiten über Seiten an Tourberichten zu füllen. Ich spreche natürlich von meinem alten Freund der Deutschen Bahn und ihr beinahe minuziös geplantes Versagen auf der ganzen Spur.

Ohne übertreiben zu müssen, sorgte diese Firma einfach für die tollsten Geschichten, die noch wesentlich lustiger gewesen wären, hätte ich sie nicht alle durchleben müssen.

Nun meine Freunde, diese Leidenszeit, diese Tortur ist vorbei (zumindest für die meisten Auftritte [ich sage es nicht gerne, aber es gibt Veranstaltungen, da macht es einfach Sinn die Bahn zu nehmen])! Das Bahnticket wurde rituell vernichtet und ein Wagen (eine kleine Knutschkugel [ich nenne sie liebevoll Gorgamoth!. [Das autoAusrufezeichen ist Teil des Namens] Schrecken des Asphalts, Geißel Tremonias, Pein des Ruhrgebiets, Schinder der Unschuldigen, Unheil der Pfade, Verteidiger des Schlunds… oder Mümmel Elsken) wurde angeschafft. Das Leben ist nun viel ruhiger geworden; Man ist nicht stets unter Zeitdruck minutengenau an Ort und Stelle zu sein, oder viel zu früh, nur um dann doch zu spät und abgehetzt anzukommen. Zudem kommt man auch wirklich überall hin und nicht nur an Orte die es wert sind, daß sie auch einen Bahnhof haben… oder eine Busverbindung… oder einen Hafen… oder eine Sherpahütte…

Nun allerdings fliegt als erstes der so ziemlich einzige große Vorteil der Bahn weg. Es ist am Steuer wirklich eher ungünstig, ein wenig wegzudösen, oder gar im Tiefschlaf zu verfallen, es sei denn man möchte überhastet einem Mann mit Sense sehen. Verpasster Schlaf kann also nicht auf den Weg zum Auftritt nachgeholt werden. Verantwortungsvoll sollte man ausgeruht und fit sein. Für mich (seit Wochen unter Schlafproblemen leidend) konnte das nur eines heißen: Literweise Energydrink wird im Fußraum des Beifahrersitzes gelagert, man unterdrückt den Wunsch einen Direktzugang zu legen und es wird mal getestet wie laut die Anlage denn so sein kann (an dieser Stelle, so sehr ich Lacrimosa auch mag, als Autobahnmusik ist die Band vollends ungeeignet).

Mir lustig das Radioprogamm antuend (was spannend sein kann, wenn man in Gefilden unterwegs ist, wo manchmal lediglich ein Sender störfrei empfangbar ist und man den so gar nicht mag), konnte ich mir immerhin das was einige einen Arbeitstag nennen würden Zeit lassen, um meinen Wagen kennen zu lernen. Er funktioniert und anscheinend nerven ihn auch minimale Auffahrunfälle bei starkem Regen nicht sooo sonderlich (also mir ist jemand draufgefahren, da er seine Bremse im Regen nicht fand). Letzteres wird noch abschließend mit der Werkstatt geklärt werden müss20180831_160403en.

Angekommen im schönen Velden, begutachtete ich den wirklich schicken Markt und spontan viel mir eine Tourifrage ein: Wer veranstaltet denn bei dem Wetter einen Mittelaltermarkt?

Das Gelände verwandelte sich so langsam zum Schwarzen Moor (ein tatsächlich existierendes Moor in Bayern… so ganz nebenbei), Fragen warum man sich eigentlich morgens geduscht hat kamen auf und volle Gläser (oder wieder voll werdende), waren noch lange kein Anzeichen dafür, daß man etwas zu trinken hatte.

20180831_165643Allerdings waren die mehr als fleißigen Mitglieder von Dager av Ulver nun nicht schlecht gelaunt und man merkte, dieser Markt war ihnen eine Herzensangelegenheit. Auch bei den Lageristen nahm man es eher sportlich und planschte vergnügt auf (!) dem See (oder einem ehemaligen Wanderweg? Man weiß es nicht). Meine Idee im Kassenhäuschen mein Nachtlager aufzuschlagen wäre auch wesentlich grandioser gewesen, wenn das Dach dicht gewesen wäre. So lernte ich halt, wenn man in einem eigentlich dichtem Schlafsack feststellt, daß es reinregnet, ist alles zu spät.

Nun allerdings doch etwas Kurzes über die Auftritte. Ich würde nun gerne sagen, ich hätte, wie die meisten, ein sprichwörtliches Teufelchen, einen kleinen, harmlosen Schalk auf der Schulter, vielleicht auch im Nacken, welcher einen dazu drängt… sagen wir mal spannende Dinge zu machen, aber manchmal glaube ich ganz einfach, da ist nichts, der Ausgleich auf der anderen Seite fehlt so oder so, dafür schreitet hinter mir eine ziemlich üble Mischung aus Loki, einem Inkubus, Chutriel, Baphomet und Satan selbst, die sich stetig darum streiten, wer mir die blödesten Ideen geben kann.20180831_153733

Nach kurzer Absprache was ich denn so alles machen darf (und hey, es ist ein Wikingermarkt), überlegte ich mir halt so, was man im erzkonservativen Niederbayern, der Geburtsstadt des Erzbischofs von Regensburg (also im 9. Jhd… aber dennoch) denn so alles erzählen könnte und vor allem wie. Jedoch muss ich ganz ehrlich sagen, wider dem gängigen Klischee traf ich auf aufgeschlossene Menschen mit viel Humor. Ich wurde positiv überrascht.

Allgemein war die Stimmung, vor allem wenn man die Witterung mitrechnet, wirklich gut. Das Programm war ordentlich gefüllt mit Kupfergold, Kerry Balder (ihr kennt sie, ihr liebt sie), Die Madame (die Dame ist wirklich köstlich und gaukelt einen Großteil ihrer männlichen Kollegen ganz einfach an die Wand), MinnePack, Seifenblaserei Sorgenfrei (ELFEN!), Camino de Cantigas, Carillon, Schniedel und seiner Crew für die funktionierende Technik und der Bühne, ohne die einige aufgeschmissen gewesen wären, meiner Wenigkeit u.wirklich,v.m..

Zudem sei zu erwähnen und ich sah das zum ersten Mal, gab es einen Tattowierer auf den Markt. Einen Tattowierer! Auf einem Mittelaltermarkt! Jetzt mal ehrlich, wer würde sich denn auf einem Markt stechen lassen (die Antwort ist btw eine Menge)?
Was soll ich dazu sagen?

20180902_135742

Ich bedanke mich an dieser Stelle an WallkürenStich und ins Besondere an Simone, daß sie mich zwischen zwei Auftitten reinquetschen konnte, für meine ersten 1,25 Tattoos (ist vor allem auch ein schöner Cashflow, wenn die Gage ganz einfach auf dem Markt bleibt). 😀

Denen und ihren Freunden hatte ich auch einen Termin im Badezuber zu verdanken, damit man nicht vollkommen unterkühlt.

Betrachte ich das Gesamtpaket, gab es so gar nichts zu meckern und alle die nicht dabei waren, haben einen wirklich schönen Markt mit tollen Menschen verpasst.

Da ich doch noch einen kleineren Weg vor mir hatte, musste ich leider am Sonntag auch sehr zeitig losfahren. Sollte ich vergessen haben, mich bei jemanden zu verabschieden, sei es hiermit getan.

Danke an alle die da waren und mit uns trotz des Wetters feierten (und es wurden von Tag zu Tag mehr) und Danke Dager av Ulver! Nächstes Jahr sehr gerne wieder.

 

Notwendiges PS: Allem Anschein nach… kennt die Gegend so ein Wetter. 😉

20180831_191025

Der Preis des Todes

Ein Lustspiel

Zwei Schädel Meister W A

(Foto: Kupferstich, “Zwei Schädel” Meister WA (um 1465-1490)

(Ausgegraben aus meinen vermeintlich verschwundenen Archiven, hier mal ein kleiner Schnipsel aus lang vergessener Zeit. Nicht nur wird mehr kommen, nein, altvergessene Pläne werden wieder aufgenommen, welche irgendwann dazu führen, daß man etwas ausdruckt, zusammenklebt, mit einem klappbaren Deckel schützt und mitnehmen kann. Die Älteren werden sich erinnern. Damals nannten wir es Bücher.

Und nicht nur das, auch etwas mit Würfeln für mehrere Personen… aber dazu später etwas)

Nacht

Kapelle eines Fürst-Erzbischof

Zwei Personen, ein Fürst-Erzbischof und ein Henker

Erster und einziger Akt… quasi..

Aha, des Mordes angeklagt also.“, sagte der Scharfrichter und legte die Urkunde zurück auf dem Schreibtisch von dem er sie genommen hatte.

Äh, eigentlich nicht.“, antwortete der Erzbischof hinter dem Schreibtisch leicht verlegen.

Nicht?“

Nein… vielmehr, nicht nur.“

Der Scharfrichter verschränkte seine muskulösen Arme, welche, so wie viele vermuteten, aller Wahrscheinlichkeit nichts anderes als fleischgewordene, umgestaltete Schraubzwängen waren, über seine entblößte, riesige Brust. Streng genommen war er chalybs carnosus. Jahre voller tagein und tagaus ausgeübter Folter hinterlassen nun einmal ihre Spuren.

Das heißt?“

Nuuun.“, der Erzbischof lehnte sich nach vorne und griff nach den knapp zwei Ellen hohen Stapel voller Briefe, Urkunden und entrollten Schriftrollen.

Oh, die gehören auch noch alle dazu?“

Der bezahlte Sadist, hauptberuflich sozusagen, stemmte seine Arme in die Hüften und sah sich den Stapel, bethront von der Akte welche die Mordanklage beinhaltete, einmal genauer an.

Äh, ja. Und die dort rechts, neben dem Stahlhandschuh auch.“

Oh“

Und die dort hinter mir in der Ecke.“

Der rechten oder linken?“

Sowohl als auch.“

Uh“

Und die dort auf dem Boden, zwischen meinem Stuhl und den Ecken hinter mir.“

Himmel.“

Sozusagen.“

Der Folterknecht sah sich in dem Raum um und nachdem er sich vergewissert hatte, dass sich in dem Raum nicht noch mehr Stapel unbestimmten Ursprunges befanden, richtete er sein Wort wieder an den Erzbischof.

Also ein richtig böser Junge, was?“

Sozusagen.“, er rückte etwas unruhig auf dem Sessel und zog dann eine weite Rolle unter sich hervor.

Oh, da war auch noch eine?“

Ja.“

Oh.“

Eigentlich sind da immer noch welche.“

…“

Der Folterknecht kratzte sich mit der rechten Hand am Kopf und wenn man genau hinsah und vor allem genügend Fantasie aufbrachte, hätte man meinen können die Stirnfalten und den offenen Mund hinter seiner Maske sehen zu können.

Homizid, Genozid, Tyrannizid…“

Tyrannizid ist negativ?“

Nein, aber ein Anklagepunkt. Vor allem da es vielmehr ein Tyrann posthum war. Davor war Jussup ein gewöhnlicher Wirt.“

Oh.“

Ja, viele fühlten sich durch sein angeblich gepanschtes Ale tyrannisiert und so… na ja.“

Nunja, aber wer Bier panscht ist doch wirklich ein…“

Es war Pariser Exportbier.“

Was ja noch schlimmer ist!“

Deshalb auch das Tyrann posthum.“

Oh“

Eine peinliche Pause entstand, in der sich der Bischof und Folterknecht ansahen, die Stille zwischen göttlichem Sprachrohr, hauptberuflich und dessen Vollstrecker, sozusagen.

Um diese Pause, bevor sie allzu unangenehm wurde, und niemand möchte dass es unangenehm wird wenn jemand, welcher eigen verursachte Amputationen, bei anderen versteht sich, durch glühende Eisen kurierte, anwesend war, zu beenden, fuhr der Fürst-Erzbischof fort die List vorzulesen.

Patrizid und Regizid. Schwere Misshandlung, Zerstümmelung, Inhumanismus, frönen des Sadismus, öffentliche Aufruhr, et cetera, pp und so weiter. Das alles so im dreh um die 574 mal.

Also ein richtig böser Bube, ja?

Eigentlich kommen dazu noch zahlreiche Anklagen wegen Vatizid und Infanizid dazu, doch diese wurden von Personen mit Namen wie Gresil, Carnivean, Olivier, Balberith und Leviathan unterzeichnet und werden daher von mir mal so als unwirksam und nichtig angesehen.“

Das klingt fair.“

Sozusagen.“

Wieder begann einer dieser ungemütlichen Pausen und der Erzbischof bemerkte, dass der Scharfrichter wie gebannt auf die Klageschriften blickte. Blicke von maskierten können sehr unangenehm sein und so begann er wieder das Gespräch.

Was glaubst du wäre in diesem Falle eine angemessene Strafe?“

Nun, bei dem Ausmaß sollte sie unendlich hart und unmenschlich sein, aber langsam und öffentlich.“

Klingt nach einem vernünftigen Vorschlag. Also würde ich sagen das volle Programm?“

Gewiss Herr, das macht dann“, der Henker bewegte seine Finger in der Luft, so als ob er einen unsichtbaren Abakus benutzen würde…

oder er gestikulierte Foltermethoden mit einem stumpfen Buttermesser, rostig und mit abgenutztem Holzgriff, verziert mit amateurhaften Schnitzereien die mit viel Fantasie wie kopulierende Opossums aussahen… wer weiß das schon?

Am Ende nahm er einer der Akten, falzte sie auf Oktavgröße und notierte sich eine Zahl.

So um die 50 Reichsthaler.“

Das ist unverschämt!“, schrie der Erzbischof und sprang aus seinem Sessel, wobei dieser nach hinten viel und sich die Schriftstücke, auf denen dergleiche sich gerade noch bequem gemacht hatte, auf dem Boden verstreuten.

Vielleicht auch 60.“

Wucher sag ich!“, woraufhin der Geheiligte seine beiden Fäuste auf seinen Tisch niedersausen ließ, was zur Folge hatte, dass weitere Akten von Gräueltaten und deren Anzeige sich auf dem Boden verteilten. Der heilige Boden voller Blutschuld, wenn man zur ausschweifenden Metaphorik tendiert.

So gab ich euch doch noch im voraus, im Anfang diesen Jahres, 80 Reichsthaler, 20 Albus, 12 Maldern Korn und 4 Klafter Holz für eure Dienste.“

Finanziertet ihr es nicht durch den Verkauf von Knochen aus meiner Arbeitsstube als Reliquien des Heiligen Matthäus?“

Frevelei! Außerdem gaben diese bei weitem nicht den erwünschten Gew…“

Und die Versteigerung von Fragmenten des gewobenen Umhanges eurer dritten Mätresse, als Teile des Caput von St. Martin?“

Haltlose Unterstellungen!“

Und natürlich die Sache mit dem Blutauffangbecken unter dem Richtplatz, um das Blut als…“

Genug jetzt damit! Wie rechtfertigt ihr diese Preise?“

Nun, da langsam und schmerzvoll…“

Und gepaart mit unverstellbarer Unmenschlichkeit um den Namen unseres Gottes rein zu waschen und seinen Zorn, gegenüber der Gesellschaft die ein solch verwerfliches Individuum hervorgebracht hat wieder zu stillen?“

Ja ja, das auch. Also ich dachte an eine Folterdauer von 3 Monaten. Das heißt erste Folterstufe, 1 Reichsthaler und 26 Albus; zweite Folterstufe, 2 Reichsthaler, 26 Albus; Tägliche Verpflegung 1R / 26 A…“

Oh. Mir fällt ein, drei Monate ist doch zu lang. Ich war immer für einen kurzen Prozess, weißt du. Das ist… kürzer und äh, weniger schändlich, denn du weißt doch, Trägheit ist einer der Todsünden und so.“

Gut dann halt nur 2 Monate?“

Sagen wir einen Tag.“

Einen Tag? Wäre das nicht zu sanft?“

Äh, nein. Unser Gott ist gütig.“, und mit diesen Worten blickte der Mann Gottes mit geöffneten Armen gen Himmel. „Amen. Wir sollten ebenso gütig sein. Vergeben und so weißt du? Also nur ein Tag voller grausamer Folter und öffentlicher Bloßstellung und widerlich brutalem Tot.“

Ja… klingt… weise und … gerecht…. wie alles was ihr sagt Herr. Also nur einen Tag, ohne die Folterstufen?“

Richtig. Ohne die, doch ein wenig Kreativität darf nicht fehlen. Man hat ja schließlich Erwartungen an uns, nicht wahr?“

Sozusagen.“, antwortete der beruflich Kreative und strich die Zahl auf dem Block durch um sie durch eine andere zu ersetzen.

Was haltet ihr denn von Knochenbrechen am lebendigen Leibe, so am Rad?“

Das klingt gut. Ja. Brechen der Knochen ist gut.“

Kritzeln auf dem Notizblock des Scharfrichters.

Wegbiegen und zertrümmern eines Daumens?“, ein satanisches Lächeln huschte über das Angesicht des Henkers.

So als zusätzliche Zeremonie, sozusagen als das Salz in der Suppe, bevor wir den Rest der Knochen am Rad brechen. Die Schreie sind diese Sonderbehandlung echt wert, glaubt mir Herr und solch ein Hurensohn soll doch Schreien wie ein Weib, oder etwa nicht“

Oh, ja, falls ihr dieses sagt. Wegbiegen. Ja ja. Das hat dieses Monster verdient.“, dämonisches, aber durch göttlichen Willen rechtfertigtest Lächeln erschien auf dem Antlitz des Geistlichen.

Wieder schrieb die Hand des Gesetztes etwas auf dem Block.

Alles im allem würde ich sagen eurer Hochwürden, kann ich euch dann einen Preis von 7 Reichsthalern und 8 Albus machen. Sonderangebot.“

Das ist immer noch zu unverschämt! Wer glaubt ihr wer ihr seid? Wir wollen ihn doch schließlich nur töten.“

Nun, ihr wollt das Schwein doch langsam und schmerzvoll töten, oder?“

Natürlich. Wer sind wir denn? Irgendwelche Barbaren, welche nicht wissen wie sie ihre Übeltäter zu richten haben?“

Vor der Todesstrafe natürlich etwas verprügeln?“

Gewisslich.“

Das sind schon 26 Albus.“

Oh. Nur das Verprügeln?“

Wisst ihr wie verdammt weh es tut, wenn man einem Manne stundenlang mit blanken Fäusten ins Gesicht schlägt?“

Dann macht es wie die Edelmänner und benutzt Stöcke.“

Die brechen nur. Zumindest mit der Zeit.“

Oh.“

Das wären Zusatzkosten und so.“

Verstehe.“

Und ich finde das noch günstig. Ihr wisst doch, schon alleine das Aufstellen der Leiter am Galgen kostet immerhin zwei Reichsthaler.“

Was ich im übrigen immer noch als puren Wucher bezeichne.“

Ich weiß, doch ihr stimmtet zu als ich das Eingeständnis machte, dass es unwichtig sei, ob nur einer, oder mehrere an dem Tage hingerichtet werden.“

Richtig. Ich erinnere mich.“

Das war zu Zeiten, als diese Sache mit den dreißig sündigen Frauen… ich meine Hexen war. Zudem verlangten sie ungeheuerliche Preise, wie ihr mir sagtet.“

Ach ja. Damals.“, schwärmte der Fürst, „Das waren noch gute Zeiten.“

Wenn ihr dies sagt. Zudem finde ich es in diesem Falle nur gerechtfertigt, wenn wir diesem Frevler, er hat doch gefrevelt, oder?“

Gewiss hat er dieses. Zudem flucht er ständig!“

Also denke ich sollten wir diesem Arschloch die Zunge raus schneiden und den Mund mit einem glühenden Eisen verbrennen.“

Ich verbitte mir eine solche Sprache in den heiligen Hallen dieser Kapelle Henker.“

Ich dachte wir sprechen hier von einen Sünder und Frevler der übelsten Sorte. Einem Ketzer. Einen Schlächter von Menschen und all das. Und bestimmt ging er nicht regelmäßig zur Beichte.“

Ja, welch ein Arschloch.“

Sag ich doch. Diese Prozedur kostet dann noch einmal 5 Reichsthaler.“

Oh.“

Ja. Aber was sein muss, muss sein.“

Aber er soll verbrannt werden, denn schmoren in der Hölle soll er.“

Oh, ich werde dafür sorgen das die Höllenfeuer für ihn neu entfacht werden Herr. Natürlich werden wir ihn davor, wie es brauch ist Köpfen. Köpfen und verbrennen kostet natürlich im Normalfall schon 5,26.“

Oh.“

Plus zwei Reichsthaler für das Seil und das entzünden des Scheiterhaufens.“

Oh.“

Seil ist teuer, wisst ihr? Und von den Preisen des Öles will ich erst gar nicht sprechen.“

Könnten wir ihn dann nicht einfach… ich meine, er spürt von dem Feuer ja so oder so nichts mehr, nur verbrennen? Damit das alles nicht ganz sinnlos ist? Ich meine, etwas mehr Qualen für das Arsch… ich meine für die arme, aber sündige und leidende Seele, welche den Rest ihrer unsterblichen Existenz natürlich weiter brennen wird, während ihr die Haut mit Kneifzangen von den Dämonen des Dunklen Fürsten immer wieder und wieder abgezogen wird.“

Kostet dann nur noch vier, statt fünf und 26.“

Klingt doch gut! Also kein Köpfen vor dem brennen!“

Gut. Wenn ich dann noch die Kosten von dem graben eines Loches und das Verscharren der Leiche (1,26), die Gebühren der 5 Hilfskräfte (1,29) und die Kosten der Kleidung nehme (1), denn die ist danach auch nicht mehr zu gebrauchen, bin ich bei insgesamt 17 Reichsthaler und 81 Albus.“

Sagtet ihr nicht gerade etwas von 8?“

Ja, doch dieses Angebot wolltet ihr ja nicht und somit sind die alten Preise hinfällig und nun die neuen aktuell. Hier, da stehen sie. Aufgelistet wie ihr sie damals selbst aufgestellt habt.“

Der Henker zeigte dem Erzbischof die geschriebene Liste.

Sicherlich“, so fuhr er fort, „wollt ihr nicht, dass Gottes Gerechtigkeit sanfter ausfällt, nur wegen eurem Geize, oder?“

Jude!“

Solch Beleidigungen verbitte ich mir.“

Gut, dann halt die 17,81, ex cathedra!“

Die beiden Männer standen sich einige Zeit gegenüber, ohne dass einer von ihnen etwas sagte. Anfangs sahen sie sich noch an, doch dann schienen die Schuhe des einen und die Akten des anderen an stetigem Interesse zuzunehmen. Nachdem auf einige male verlegen gehüstelt wurde, richtete sich nun der Henker von Köln an den Fürst-Erzbischof.

Ich nehme einfach einmal an, dass so etwas wie beharren auf bona fide für den Angeklagten unsinnig wäre, oder?“

Ipse facto, würde ich sagen.“

Ex offico?“

Ex more, würde ich eher sagen.“

Persona non grata pro patria, wenn man so will.“

Sozusagen.

Also keine Entschuldigung..“

Nein.“

Dacht ich mir.“

…“

Wer soll die Vollstreckung ausüben?“

Nun, ich dachte da an meinem Sohn. Immerhin habe ich ihn seit dem er noch so klein wie ein Frischling war zur Arbeit mitgenommen. Er holte schon die Werkzeuge für mich als er gerade erst laufen lernte, müsst ihr wissen.“

Ach?“

Ja, gute Zeiten waren das, damals.“

Ja, gute Zeiten, damals.“

Wieder eine kleine Pause, doch bevor diese zu lange wurde erhob der Fürst erneut das Wort.

Vielleicht solltet ihr nun endlich eure Maske abnehmen und dann vielleicht… den Wachen in den Kerker folgen. Wird ein langer Tag morgen für euch.“

Der Henker nahm die Maske ab und stand nun so, ohne diese, wie ein einfacher Mann vor seinem Richter. Er blickte aus dem Fenster in den klaren Himmel über Köln.

Wird ein warmer Tag morgen.“

Quasi.“

Ohne ein weiteres Wort drehte sich der Mann um und ging zu den Wachen, die ihn umgehend in Ketten lagen.

Henker ab

Ein sehr warmer Tag morgen, sozusagen.“

Fürst-Erzbischof ab

© pSychO 2005

Historienreise durch die Zeit. Meerane 19. – 21.05.2018

Ein wirklich kurzer Bericht.

 

Wie schreibt man kurze, sehr, sehr kurze Tourberichte? Schritt eins, man fahre nicht mit der Deutschen Bahn. Ohne Scherz. Jetzt mal davon abgesehen, daß ein gewisser deutscher Autovermieter seine Preise über die Jahre hinweg unverschämt erhöht hat (ich werde jetzt nicht den Namen Sixt nennen, da man es ja als versteckte Werbung, oder ähnliches deuten könnte), legt man einfach genügend Plastik auf den Tisch, welche die Abfallmenge eines mittelgroßen Industrielandes simulieren könnte, schnappt sich (wie in meinem Fall) einen Neuwagen und eigentlich endet damit dieser nervige, alles genau auf die Minute zu planende, stets nach hinten losgehende Bahnumsteigemarathon mit nach hinten offenen Verspätungen.

Vor allem bei so einer Metropole wie Meerane! Für die sehr wenigen unter euch, die nicht sofort wissen, wo sich dieses Handelszentrum befindet, lasst es mich so erklären: Wären wir im Star Trek Universum, hätte sich dort der Maquis versteckt. Im Star Wars Universum hätte man genau dort die Clonkrieger Gebäudekomplex des Schloß Wolkenburg in Wolkenburg im Bundesland Sachsengezüchtet. Dorthin würde man fliehen, damit einen selbst der Doctor nicht mehr findet. Die letzten Einhörner sollen dort gesichtet worden sein. Braucht man ein Plätzchen für Menschen im Zeugenschutzprogramm, dort wäre der passende Ort. Dort befindet sich der Tunnel zu den Freagles. Saruman würde genau dort beginnen, seine Armeen zu erheben. Eliot der Drache müsste sich dort nicht verstecken, da ihn niemand sehen würde. Eigentlich ist das Bielefeld.

Wenn einem das dann immer noch zu stressig und belebt ist, geht man in das ländliche Limbach-Oberfrohna.

Mit der langsam kriechenden, paradoxe Wege schlängelnden Aluminiumschlange ist man da schon einmal von Dortmund aus lockere 8 – 12 Stunden unterwegs (ohne Verspätungen!), dafür ist es nicht wirklich wesentlich günstiger, als wenn man sich einfach einen Wagen mietet… mit dem man bei freier Bahn und lockerem Fuß keine fünf Stunden braucht.

Um eine kurze Geschichte kurz zu erzählen: Mietwagen genommen. Schnelle Anreise gehabt, keine Probleme.

In Meerane angekommen präsentierte sich mir ein kleiner, aber liebevoll gestalteter Markt, in und um das Schloss Wolkenburg (was ein grandioser Name) herum. Auch hier bewahrheitete sich das Sprüchlein: Es ist egal wie weit man rennt, wohin man flieht, man begegnet Menschen die man kennt. In diesem Fall die netten Kollegen von Heiter bis Folkig, welche musikalisch den Markt die ersten Tage belebten (und welche lustigerweise Romane über ihre eher stolprige Anfahrt schreiben könnten). Die Akustik des Schlosshofes eiskalt ausnutzend, flüsterte ich beinahe meine Geschichten daher (oder immitierte das Horn von Helm Hammerhand, ihr wisst schon, das in der Hornburg).

Die Sonne meinte es mehr als gut mit uns und erzeugte eine durchschnittliche Temperatur wie in der Wüste Gobi.

Ganz nebenbei Akustik. So vorteilhaft sie für mich war, verstärkte sie infernalisch den donnernden Knall der Arkebusen (Historienmarkt heißt ja nicht Mittelaltermarkt und so waren halt auch einige Darsteller von Wallensteiners Lärmschergen anwesend). Wackener wären schon ein wenig überrascht gewesen.

Durch die meisten Tage führte der meisterhafte Theo, der Reimsprecher. Preußisch akkurat mit bissigem Humor und steifer Miene (danach übernahm ein Herold für den genaue Uhrzeiten mit der Monduhr berechnet werden, was tagsüber halt nicht immer so genau geht).

Man wird im übrigen alt, wenn man das abendliche Lagerfeuer durch ein gemütliches Teetrinken in der Küche der zur Verfügung gestellten Ferienwohnung ersetzt (aber sie war wirklich, wirklich nett und die Mädels schlugen sich so lustig um die Plätze in der Badewanne [die logischerweise im Bad war, deshalb ja Badewanne und nicht Küchenwanne])… Wie es sich für eine Schar Musiker gehört, plätteten wir den kompletten Lagerbestand (klingt nun auch nicht so abenteuerlich, wenn man weiß das es sich um Tee handelte und nicht um den Bestand des Weinkeller des Vermieters).

Selbst als am nächsten Tag die Gruppe wechselte, wurde nicht einmal eine Flasche geleert (beinahe rufschädigend).

Selbst wenn ich verzweifelt suchen würde, es gab einfach nichts zu meckern, oder überdramatisiert zu umschreibende Tragödien. Alles lief rund und war rundum zufrieden stellend.

Der Wagen, nach der Abgabe nun mit viermal so hohen Kilometerstand wie zu dem Zeitpunkt, als ich ihn entgegennahm, hielt seltsamerweise auch ohne Probleme durch.

Tjoa… Ende.

Danke Heiter bis Folkig und Irregang für die nette Gesellschaft und langen Gespräche.

Danke Uli für die Einladung (nächstes Jahr sehr gerne wieder) und nicht zuletzt, danke an alle welche diesen Ort, versteckt in verstaubten Bücher, dessen Namen man nur noch in alten Legenden und Sagen murmelt, dort wo Kompasse beinahe nicht mehr funktionieren, dann doch gefunden haben und den steilen Berg hinauf kraxelten, um uns zu lauschen.

Sagenfest Kammerstein 04. – 06.05.18

Urzeittiere mal anders.

Wenn schon eine eher kurze Fahrt (wie z.B. nach Schiffenberg) zu einem echt trickreichen und kräftezehrenden Spießrutenlauf werden kann, was kann denn dann schon schief gehen, wenn man die Strecke einfaDSC06132-ach mal verdoppelt?

Nichts!… oder so.

Die Reise führte mich dieses Mal in das schöne Bayern (bevor das neue Polizeigesetz verabschiedet wurde, war das noch ein sicheres Reiseland [hach… die gute alte Zeit, bevor es ein Polizeistaat wurde]). Da aber selbst so mancher Bayer nicht mag, daß er halt ein Bayer ist, nennen wir es einfach mal Mittelfranken. Nach Kammerstein sollte es gehen. Direkt am namentlich wohlklingenden Heidenberg… im Kirchenstaat äh Freistaat Bayern… in einer Gemeinde die so heißt, wie der Kerl der Hostel geschrieben hat (dieser Streifen über die Gastfreundschaft der Slowaken) und sich Barthelmesaurach eingemeindet hat (diese Information gebe ich lediglich, da ich finde das man einen Namen wie Barthelmesaurach durchaus mal erwähnen sollte. Einfach mal auf der Zunge zergehen lassen: Barthelmesaurach. Ein Örtchen in Deutschland… gut, Bayern).

Leider war ich wieder genötigt, mit der Bahn zu fahren, jedoch lief auf der Hinfahrt kaum etwas schief (wenn man mal von dem Preis und der 6,5h Fahrt absieht), so dass ich nach wie vor dermaßen geschockt bin, kaum etwas über die Hinfahrt berichten zu können (dafür gibt es einen Rückweg).

Keinen Moment zu früh angekommen, hatte ich alle Zeit der Welt, in Ruhe den Technikern zuzusehen, wie sie die Bühne verkabelten, hier und da beim Errichten von Absperrungen zu helfen, die ersten Einkäufe auf dem Markt vor der Eröffnung zu erledigen und festzustellen, wie viel Zeit man eigentlich hat, wenn man Verspätung mit einberechnet hat, diese dann aber ausbleibt.

Allerdings bot mir das ebenfalls genügend Möglichkeit, den recht einzigartigen Backstage zu durchstöbern. Ja, zu stöbern, denn streng genommen war es nichts anderes, als ein übergroßer Bücherschrank (Bookcrossing). 20180504_150006Mein Herz schlug höher und sollte Langeweile mit ihrer Anwesenheit drohen, gäbe es genügend Möglichkeiten zum ablenken und Seele baumeln lassen. Vor allem wenn man so manche Schätze dort findet.

Diese blieb jedoch abwesend, dafür beehrte uns trockene Hitze mit ihrer Gesellschaft.

20180506_113554Dieser kleine, nette Markt überraschte mit einigen Dingen. Nebst dem idealen BoH für einen Geschichtenerzähler, konnten wir am Freitag Corvus Corax begrüßen. Die Urgesteine des Sacklärms bauten dann auch bei der Markteröffnung auf. Mehr Zeit für mich, den Backstage zu durchstöbern. Meine tiefgehende Liebe zu Dudelsäcken ist bekannt, bei Corvus wird es allerdings von einem Paradoxon durchzogen.

Belesene werden wissen, daß Dorian Gray im Hause von Lord Henry immer wieder zu einem gewissen, gelben Büchlein griff (was witzig ist, denn in einem meiner Lieblingsromane wird einer meiner Lieblingsbücher unnamentlich erwähnt [der Roman, ohne Plot]). Mir ging es ähnlich, mit einer gewissen gelben CD, bestückt mit einem leicht freizügigem Cover. Ante Casu Peccati. Da waren die Kolkraben noch beinahe Küken, allerdings trieb mich diese Scheibe dazu, ebenfalls „Live auf dem Wäscherschloss„ zu erwerben (passend zur Jahrtausendwende). Diese CDs wurden aktiv, aber auch passiv beim Pen n Paper spieler hoch und runter gehört. Zu der Zeit, fand ich „Dudelsack“musik noch wirklich gut. Das war, bevor man es Dudelsack“musik“ schreiben musste. Später stellte sich heraus, daß diese Machtwerke um sich griffen und als Bibel, als Manifest der Tröten und schiefen Töne diente. Die gefürchteten Big Five, genau so arrangiert nur in ungestimmt, würden mich Jahrzehnte begleiten und als wäre das nicht genug, zogen sich die zukünftigen Sackbands auch noch genau so an und, bevor es allzu innovativ wird, benutzen exakt die in brüchigem Stein niedergemeißelten, äh, auf eine CD gepressten Ansagesprüche. „Handgeklapper“, „Allzu flachen Erdenscheibe“, all der Dreck. Säcke und Davul, dazu die alte Setlist der Berliner, wie aus der Retorte geklont.

Hüstel

Dafür kann niemand von Corvus Corax irgendetwas (ich habe sie gefragt), es hinterließ bei mir dennoch seit je her einen bleiernen Beigeschmack. Nach wie vor habe ich Hochachtung vor den Jungs (die ganz nebenbei mehr als fähige Musiker und zudem noch wirklich nett sind [ich habe sie gefragt und sie meinten, ich solle es so schreiben <nein.. sind sie wirklich>]), dessen Name sich wie ein Mahnmal auf den Märkten und deren Bühnen setzt und die Tatsache, daß so viele sie nachahmen und nach wie vor so viele ihrer Arrangements übernehmen, spricht für sich (und zwar das so wenige kreativ sind 3:) ); Nichtsdestotrotz entfesselte es ein akustisches Ungetüm, einen lärmenden Baal, hörbar jedes Sommerwochenende auf hach so vielen Märkten.

Der Auftritt von ihnen am Freitag Abend war ganz nebenbei dennoch wirklich cool (wenn man denn Dudelsäcke mag […ich höre ja schon auf]).

Der Markt sollte mich weiter überraschen. Meine Unterkunft war ein schickes, kleines Gemeindehaus und ich konnte es mir nicht nehmen lassen, mein Quartier auf der Bühne, neben dem Kreuz zu errichten (ich fand es irgendwie passend). 20180504_234713So schlief ich ruhig, friedlich und alleine ein, wartend der Dinge, die da kommen mögen. Sie ließen nicht lange auf sich warten. Ich habe nicht auf die Uhr geschaut, aber es war ungefähr drei Uhr morgens, als alle drei Adjektive roh, in Form einer anrümpelnden Band niedergetreten wurden. Fuchsteufelswild betraten den Plan. Nachdem sie irgendwann merkten, sie sind nicht die einzigen im Raum, reduzierten sie, höflich wie sie sind, die Lautstärke.

Kennt ihr Theaterstücke, in denen die Schauspieler so flüstern, daß es dennoch die letzte Reihe deutlich hören kann? Ungefähr so. Jedoch haben die netten Kollegen mich dann auch mit Kaffee am morgen beliefert. 31949400_449694868800745_5800076793188712448_nFair enough. Allgemein kann man sagen, daß wir zusammen wirklich Spaß hatten. Basti und meine Wenigkeit überlegten, woher wir uns kennen (kamen dann auf ein Festival, um 2008, als ich noch als Musiker tätig war), mit dem Rest wurde wild philosophiert und die Tage als Frohsinn tituliert.20180505_142918

Allgemein hatten die Tage so einiges zu bieten. Der 04.05. wurde wirklich ausgekostet (Star Wars Day und hey, eine Feuershow mit Laserschwertern sieht man auch nicht jeden Tag), am Samstag tauchte noch ein anderes Urgestein der Szene auf. Die, ich würde mal tippen meist gecovertste Band auf Märkten, Streuner gaben sich die Ehre (von denen ich sowohl erfuhr, es gibt alkoholfreie Cocktails auf dem Markt [geiles Zeug bei der Hitze], als auch, daß man zur Sicherheit dreimal sagen sollte, daß man wirklich alkoholfrei meint, wenn man alkoholfrei bestellt [an dieser Stelle viele Grüße an die „Wandelbar“, füllt gerne Miri weiter ab ;)]), Daß dortige Spezi hatte den passendsten Namen für einen Erzähler überhaupt, für mich gab es ein Stagehopping extreme, als es für einige Stunden zur Ofenplatte (wieder so ein grandioser Name), 20180506_143106mitten im Wald ging und damit nicht alles das gesamte Wochenende zu stoisch wirkt, taten wir so, als wären einige der Abläufe pur improvisiert. Alles sehr schön und erinnerungswert (das kann man bei Weitem nicht immer sagen). Wirklich gefreut hat mich, daß ich Kollegen mal wieder begegnet bin, die man eher selten bis gar nicht trifft. Alles in Allem kann ich nur mit ernstgemeinter Ehrlichkeit sagen, sehr schöner kleiner Markt mit erschreckend guter Künstlerpräsenz. Ich hoffe, ich sehe euch nächstes Jahr dort wieder.

War noch etwas?
Oh ja, klar, der Rückweg.

Irgendwie vertraute ich, trotz des reibungslosen Hinweges immer noch nicht der Bahn (da Pünktlichkeit immer noch eine überraschende Ausnahme ist). Also nahm ich mit Hilfe des Merchs von Fuchsteufelswild der DB so einiges an Arbeit ab. Bis Bonn ging es mit dem Wagen voran. Das ist mehr als 4/5 der Strecke! Da allerdings schlug sie mit all ihrer bekannten Gewalt zu. Als wäre die DB der flüchtenden Kundschaft nachtragend, erschien sie einfach nicht. Die Verspätung mitten in der Nacht, wurde lustig länger und länger (aus „Abfahrtszeit“ machte man dann kurzerhand eine „Prognose“). Um einen das warten zumindest ein wenig zu erleichtern, war der Bahnhof eher eine brache Baustelle, aber immerhin gab es kein W-Lan, oder andere Ablenkungen. Dafür allerdings, als der Zug dann endlich erschien, direkt in den ersten drei Minuten direkt zwei Kontrolleure, jeweils begleitet von einem Security (sonntags nach zwei Uhr… anscheinend eine Stosszeit für Schwarzfahrer). Insgesamt schaffte es der alte Freund die Bahn es so hinzubekommen, daß ich mir keine Gedanken um Nachtbusse, oder Taxis zu machen brauchte, denn als ich endlich in Dortmund ankam, fuhren wieder die normalen Züge. Kann man ja auch mal positiv sehen.

Wie auch immer, schön war es doch.

Danke an Eisbär und Julia für die Orga. Gerne nächstes Jahr wieder.

Ebenfalls Dank an Pfarrer Merz für die Gastfreundschaft.

Special Thanks to

Corvus Corax (die Band, deren Lieder ihr von den anderen Sackbands alle kennt)

Die Streuner (die Band, deren Lieder ihr von jeden Barden am Lagerfeuer kennt)

Fuchsteufelswild (die Band, dessen Namen ihr euch merken solltet)

Kerry Balder (der Star Trek Fan, der Star Wars Feuershows macht 😉 )

ImmernochFrank (der, der immer noch Frank ist)

Fairytales gone crazy (die Gruppe, die Laserschwerter hat, wenn man mal welche braucht)

und… wenn ich ehrlich bin, ohne mich, wäre der Markt für mich auch nur halb so schön gewesen. 😉

Schiffenberg 14.-15.04.2018

Murphys Law in Reinkultur… und Pech kam dann auch noch dazu.

Wer meine Tourberichte auch nur sporadisch liest weiß, es geht eigentlich nie um die Auftritte als solches. Warum auch? Es wäre albern niederzuschreiben was ich wie und wem, auf was für eine Art und Weise erzählte. Schlimmer noch wäre natürlich, wenn ich, einer Band gleich, über den tollen Ablauf reden und dabei nicht vergessen würde, wie einmalig und unschlagbar das Publikum mal wieder wahr. Zum einen untergräbt man seine eigene Glaubwürdigkeit („So etwas haben wir noch nie erlebt“, „Ihr seid die Besten“, „Das war so einzigartig!“… bei jeder Location… blah… ), zum anderen behandelt man seine Fans, Freunde, Zuhörer wie Idioten (die lesen ja dann auch stets wie oft man wen lobt…). Ich konzentriere mich in der Regel auf die Dinge, die um das Geschehen herum passieren. Den Kontext wenn man so möchte und gebe einen kleinen Einblick, was man als Künstler ab und an so erlebt (gemäß meiner Erfahrung passiert halt immer etwas skurriles).

Da ich zur Zeit noch (das wird sich nun im nächsten Monat ändern) meist mit den öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs bin, sorgt deren Zuverlässigkeit in ihrer Unzuverlässigkeit eigentlich für genügend Stoff, um ganze Bücher zu füllen. Regelmäßiges Fahren mit der Deutschen Bahn ist als solches nichts anderes, als ein Versuchsaufbau zur Überprüfung von Murphys Law anhand von Pünktlichkeit im Verkehrswesen. Fügt man diesem Versuch nun noch Zeitdruck und ärgerliche Abhängigkeit hinzu, könnte man beinahe heuristische Feldversuche zu Finagles Law (wie Murphys Law, nur mit dem Zusatz das es zum schlimmstmöglichen Zeitpunkt schief gehen wird) durchführen. Doch all den Trubel mit der Bahn kann man vernachlässigen, denn Schiffenberg hat seit Jahren für mich einen immensen Vorteil: Ich fahre nicht mit der Bahn dort hin! Somit könnte man denken, man müsse sich um die Anfahrt, oder Rückfahrt keine Gedanken machen… sagte er unwissend grinsend und rannte lachend in die laufende Kettensäge…

Dabei fing einen Tag vor dem Markt das Wochenende so gut an, beinahe romantisch. Ausgebreitete Felle vor dem warmen, leicht knisterndem Kaminfeuer. Zart zuckende Image 5Zungen der Kerzen. Leise Musik im Hintergrund… nach ausreichenden 2,5 Stunden Schlaf machten wir uns dann Samstag früh auch fertig für den Markt und stiegen pünktlich (!) in den Wagen. Ziel Schiffenberg. Warmes Wetter, kaum Wolken, kein Regen, freie Fahrbahn (dachten wir und der Verkehrsfunk ließ uns in den Glauben). Iserlohn => Gießen. Fahrtzeit knapp unter 2 Stunden. Ankunft also eine Stunde vor dem Marktbeginn. Perfekt.

Freudig fuhren wir also nichtsahnend durchs schöne Sauerland, als das Gesetz des Herrn Edward A. M. aus der Panamakanalzone, ebenfalls bekannt als E.A. Murphy aus P. Fuß fasste. Stau.

Stau ist in Ordnung und immerhin hatten wir ja auch ein Zeitpolster. Kein Grund sich die Stimmung verderben zu lassen, dreht man halt die Musik ein wenig lauter und singt schief mit. Ungefähr zu dieser Zeit, in einem sich immer mehr ausbreitenden gallarthaften Wulst von stehenden Autos, berichtete nun auch der Verkehrsfunk von der Vollsperrung der Autobahn in beide Richtungen. Das Singen wird knirschender, die Stimmung (in doppelter Hinsicht sozusagen) sinkt deutlich. Im Kopf rechnet man lustig vor sich hin. Überlegt sich, wie lange man doch im Stau stehen könnte, während das Navi unbeeindruckt vor sich hin rechnet und einem irgendwann eine ziemlich unschöne Prognose präsentiert. Das Zeitpolster wird nicht nur durch den Stau aufgezehrt werden, nein, wir werden uns gar um 15 Minuten verspäten! Knurrend argumentiere ich im Geiste schon rein instinktiv mit der akademischen Viertelstunde. Alles gut. Kein Grund sich aufzuregen.

Ungefähr Höhe Wilnsdorf werden wir von der Autobahn gelotst, als wir einen seltsamen, erstickenden Geruch wahrnehmen und trotz hörbar steigenden Drehzahlen des Motors, nicht wirklich voran kommen. Bei einer kurze Pause am Seitenstreifen erkennen wir, daß offensichtlich unser Wagen der Ursprung des Gestankes ist und Murphy gerade lachend weiter zuschlägt, denn auch wenn es im Stau bekanntlich eher gemächlich zugeht, in einer Ausfahrt möchte man dann dennoch nicht parken. Motoraufheulend Image 1schleppten wir uns mit letzter Kraft ein wenig aus dem Getümmel und stellten uns krabbeln erneut auf den Seitenstreifen. Alternativen durchgehend, schauten wir erneut unter die Motorhaube und stellen fachmännisch fest, daß sich dort tatsächlich ein Motor befindet. Irgendwie vermutend, er würde nicht auf gutes Zusprechen reagieren (ich habe es dennoch versucht… erfolglos), bissen wir in den sauren Apfel (garniert mit einer versteckten Rasierklinge) und riefen den ADAC an und stellen fest, die Mitgliedskarte ruht ruhig und friedlich zu Hause. Vorkasse ist also angesagt. Während wir uns ebenfalls in Schiffenberg melden, denn nun ist es klar, wir werden uns ein „wenig“ mehr als nur studentisch verspäten, wird das Zähneknirschen zu einem unmissverständlichen Knurren.

Die Kombination aus auf den gelben Abschlepper warten, potentielle Kosten für eine ungewisse Reparatur erraten und die auf einen zukommende Verspätung errechnen ist wahrlich ätzend. Die Stimmung war wie die Stimmung eines Dudelsacks am Sonntagmorgen im Regen… nicht vorhanden und wenn, dann vollends daneben.

Nun allerdings geschah etwas sehr Überraschendes; der gelbe Wagen kam unglaublich zeitig bei uns an, hakte uns ein und binnen keinen weiteren dreißig Minuten standen wir an einer vollends unbedeutenden Tankstelle in Wilnsdorf. Vielleicht auch die wichtigste, da die einzige in dem Ort. (wir sprechen hier nun wirklich nicht über metropolitische Ausmaße). Wie auch immer, die hervorstechendste Eigenschaft war eindeutig, daß sie nicht der Ort war, wo wir sein wollten. Mit dem Taxi ging es zu der nächsten Autovermietung (mit denen habe ich ja besonders gute Erfahrungen). Trotz einiger widrigen Umstände wollte die Dame hinter dem Tresen vor allem eines haben und das war Feierabend. So ging es flott voran. Neuen Wagen unter dem Hintern fuhren wir erneut Richtung Schiffenberg. Durchaus genervt, etliche Euros ärmer, aber noch umkämpft lächelnd. Immerhin hatte Murphy seine Pflicht getan und zog nun von dannen… nur um den obig erwähnten Finagle Platz zu machen. Denn egal wie wir das Navi programmierten, oder welchen Weg wir auch einschlugen, es schien unmöglich die Umgebung Siegen – Wilnsdort zu verlassen. Die komplette Region war durch Vollsperrungen abgeriegelt. Ein pures No-Mans Land. Eine öde Quarantänezone. Die endlosen Badlands selbst. Verwirrte Outer Limits… ein vollkommen unerwartetes, deplatziertes, arnsbergisches Bermudadreieck. Selbst nach vermeintlich positiven Erstkontakt mit den Ureinwohnern und ihrer Beschreibung einer Fluchtmöglichkeit, blieb der richtige Weg diffus.

Finde Ithaka, oder verlasse Wilnsdorf. Gleicher Schwierigkeitsgrad!

Doch wie Odysseus kamen auch wir irgendwann mal an. Mit einer vornehmen 30726596_2075200152496037_5911648730594934784_o.jpgVerspätung von über sieben Stunden. Der Rest des Tages war ein hoch komplexer Mix aus Auftritten und den Versuch, in kürzester Zeit soviel Geld auf dem Markt wahrlos im Frustkauf zu verteilen, bis man entweder arm ist, oder wieder ohne chirurgische Hilfe lächeln konnte. Das Endergebnis war eine üble Mischung aus beidem; jedoch muss ich sagen, daß uns die zahlreichen Händler von Minute zu Minute freundlicher begrüßten, wenn wir vorbeischritten.
Lässt man so ziemlich alles weg, was ich bislang schrieb, war es theoretisch ein wirklich schöner Markt (oh… erwähnte ich das unser Mietwagen sich auf dem Feld festfuhr und wir rausgezogen werden mussten?). Schiffenberg ist einfach eine herrliche Kulisse und das Wetter zeigte sich erschreckend ungewohnt von seiner besten Seite. Die altbekannten Kollegen die Pummelelfen, die Skalden und Jonny Robels sorgten für die musikalische Untermalung, während ich am frühen und späten Abend die Heerscharen, denn der Markt war stetig gut gefüllt, durch skandinavische und orientalische Geschichten führte. Kurz gesagt, es herrschte beste Stimmung bei perfektem Wetter.

30727954_1763785087011952_4847630137027461120_o.jpg

Tatsächlich hat jeder, welcher nicht dort war und dessen Wagen nicht auf der Hälfte der Strecke den Geist aufgegeben hat und abgeschleppt werden musste etwas verpasst. Alles in Allem war es trotz der höheren Gewalt von Murphy und Finagle ein komplett gelungener, sehenswürdiger Markt; wie immer sehr liebevoll organisiert und kinderfreundlich. Großes Lob an die Orga und besonders K. Skorwider. Danke und nächstes Jahr gerne wieder.

Für den Rest der Saison habe ich nun auch genügend Gewandungen und mehr Schmuck als ich essen kann. Manchmal muss man sich halt auf die positiven Punkte konzentrieren.

Der Leidensweg eines Paragraphen

Willkommen im Jahr 2018 und wie verbissen um den Verbleib des archaischen Paragraphen 218 und seiner Anhänger gekämpft wird. In einem Jahr, in dem eine Ärztin dafür angeklagt wird, daß sie doch tatsächlich die Frechheit besaß, auf ihrer Homepage darauf hinzuweisen, sie würde Schwangerschaftsabbrüche durchführen!

prochoice1

Lassen wir mal theologische Diskurse über die Sukzessivbeseelung, ab wann ist das Leben wie heilig (tatsächlich gibt es bei den großen Religionen Auslegungen für ProLife als auch Pro-Choice [Ausnahme der Buddhismus und die sind am streiten]), oder die Arbeit der Engelmacher beiseite und konzentrieren uns ein wenig auf die Moderne. Ebenfalls vergessen wir mal die Zeit vor der BRD, denn überraschenderweise wurde das Thema bereits seit Helene Stöcker durchaus rassistisch gefärbt und wie die Nazis dazu standen, ist nun wirklich jedem klar.

Wir spulen sogar einfach mal die Zeit weiter vor, denn das in der Zeit, als die Kirche und die Erzkonservativen noch alles zu sagen hatten die Abtreibung verboten war, vor der links-grün versifften elitären 68er Bewegung, wissen die meisten wahrscheinlich auch.

Also in der heutigen, aufgeklärten Zeit, in der in unserem Land die Abtreibung (zurecht) erlaubt ist, wird eine Ärztin dafür angeklagt das sie…

…nur haben wir da ein klitzekleines Problem. Im Jahre 2018 ist gemäß §218 der Schwangerschaftsabbruch nach wie vor illegal und wird mit bis zu drei Jahren Freiheitsentzug bestraft. Der Rest der Paragraphen beschäftigt sich eigentlich nur damit, die Ausnahmen für die Strafandrohung zu klären und seit dem Jahr 1976 leben wir mit einer sehr unbefriedigenden Kompromisslage, der so genannte Fristenregelung.

Gemäß dieser Regelung darf eine Frau immerhin in den ersten 12 Wochen nach der Nidation (das ist juristisch wichtig, denn auch wenn im Paragraphen von der Befruchtung gesprochen wird, ist die Nidation gemeint) die Entscheidung treffen, ob sie denn das Kind austragen möchte, oder nicht. Also sie darf diese Entscheidung beinahe alleine Treffen, denn natürlich muss sie zuvor an einer Schwangerschaftskonfliktberatung teilnehmen (§219).

Nur um diese Regelung ein wenig näher zu betrachten, muss man sich so einiger Dinge sehr im klaren sein. Wir haben es in solchen Fällen logischerweise mit einer Frau, oder einem Paar zu tun, welche vieles wollen, aber definitiv zu dem Zeitpunkt kein Kind unter diesen Umständen. Es ist dabei relativ unwichtig, ob es sich um eine Schwangerschaft in Folge einer einfach schief gelaufener Verhütung handelt, einer achtlosen Nacht, eines Missgeschickes beim „sicheren“ Verfahren der Temperaturmessung, oder gar einer Vergewaltigung. Meistens merkt die Frau das etwas nicht stimmt, da die Regelblutung ausfällt und da es sich ja absolut nicht um eine geplante Befruchtung handelt, wird versuchsweise auf verschiedenste Teststreifen uriniert und man muss erst einmal geschockt mit dieser Erkenntnis leben. Der Frühtest weicht dem normalen Test und da sie praktischerweise oft in Vorteilspackungen kommen, kann man es auch mehrfach wiederholen.
Wer glaubt es ist nervenaufreibend, wenige Minuten darauf zu warten, ob und wie sich ein kleiner Streifen verfärbt, nachdem man ungewohnte Zielübungen durchführte (ich spreche da lediglich vom Hörensagen… wir Kerle freuen uns einen Keks wenn im Pissoir ein winzigen Tor aufgestellt ist), war noch nie bei einem Frauenarzt in Behandlung, denn das ist der nächste Schritt (und Schock). Da wird man auch gleich mit den ersten Terminen konfrontiert, denn für so etwas muss man sich Zeit nehmen und möchte es ja dennoch nicht an die große Glocke hängen. Man entscheidet sich also für sich, oder zu zweit, oder im familiären Rahmen dazu, die Schwangerschaft abzubrechen und darf relativ zügig den nächsten Termin wahrnehmen. Je nachdem wo man wohnt, wird dieser Termin erneut in Konflikt mit der Arbeitszeit sein und in 80% der Fälle darf man nun ein Gespräch mit einer überzeugten ProLife Vertreterin durchführen.

Um die Stimmung dieser Beratung vollends zu verstehen, kann man sich einfach mal die Gesetzeslage zu dieser „notwendigen“ Schwangerschaftskonfliktberatung durchlesen.

StGB §219

„(1) 1 Die Beratung dient dem Schutz des ungeborenen Lebens. 2 Sie hat sich von dem Bemühen leiten zu lassen, die Frau zur Fortsetzung der Schwangerschaft zu ermutigen und ihr Perspektiven für ein Leben mit dem Kind zu eröffnen; sie soll ihr helfen, eine verantwortliche und gewissenhafte Entscheidung zu treffen. 3 Dabei muß der Frau bewußt sein, daß das Ungeborene in jedem Stadium der Schwangerschaft auch ihr gegenüber ein eigenes Recht auf Leben hat und daß deshalb nach der Rechtsordnung ein Schwangerschaftsabbruch nur in Ausnahmesituationen in Betracht kommen kann, wenn der Frau durch das Austragen des Kindes eine Belastung erwächst, die so schwer und außergewöhnlich ist, daß sie die zumutbare Opfergrenze übersteigt. 4 Die Beratung soll durch Rat und Hilfe dazu beitragen, die in Zusammenhang mit der Schwangerschaft bestehende Konfliktlage zu bewältigen und einer Notlage abzuhelfen. 5 Das Nähere regelt das Schwangerschaftskonfliktgesetz.“

Es ist sehr offensichtlich, das Beratungsgespräch wird auf jeden Fall extremst objektiv sein… als ob das nicht reichen würde, kann es sein das man zu einer Zweigstelle von Donum Vitae und Konsorten muss, die einem dann auch noch mit dem theologischen Hebel versuchen, ein schlechtes Gewissen einzureden (als wäre man nicht schon genug aufgerieben).

Diesen Stress nun hinter sich gebracht, hat man erst einmal drei Tage Zeit (ist ja gesetzlich vorgeschrieben) um nun einen Arzt, oder eine Ärztin zu finden, welche bereit ist einen Schwangerschaftsabbruch durchzuführen.

Neben der desaströsen Lage des Gesetzes und des enormen psychischen Drucks in einer solchen Not (selbst die größte Kindergegnerin wird in einer solchen Situation stark belastet und die Hormone beginnen mit den Gefühlen gerade Achterbahn zu spielen und je nachdem wie offen man mit seinem Freundeskreis ist, kommen zahlreiche Tipps, Vorschläge, Gedanken und ähnliches hinzu), ist dieser Schritt alles andere als leicht und problematischer, als man glauben könnte, denn nun kommen wir zu dem Stein des obigen Anstoßes: Werbung für Schwangerschaftsabbrüche ist in Deutschland verboten. Werbung ist nun allerdings ein sehr interpretierbarer Begriff, denn man kann sich vorstellen, daß es nun nicht wirklich ein Markt für Großanzeigen ist. Das Gesetz sagt:

§219a
„1) Wer öffentlich, in einer Versammlung oder durch Verbreiten von Schriften (§ 11 Abs. 3) seines Vermögensvorteils wegen oder in grob anstößiger Weise

1. eigene oder fremde Dienste zur Vornahme oder Förderung eines Schwangerschaftsabbruchs oder

2. Mittel, Gegenstände oder Verfahren, die zum Abbruch der Schwangerschaft geeignet sind, unter Hinweis auf diese Eignung

anbietet, ankündigt, anpreist oder Erklärungen solchen Inhalts bekanntgibt, wird mit Freiheitsstrafe bis zu zwei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft.“

Die gießener Ärztin Kristina Hänel hat nun nicht Werbung in Zeitungen geschaltet. Auch keinen TV, oder Internet Spot. Sie hat nicht einmal mehr Flugblätter verteilt. Auf ihrer eigenen Homepage machte sie eigentlich das, was man theoretisch von vernünftig beratenden Ärzten verlangen würde. Sie wies darauf hin, daß ein Schwangerschaftsabbruch in Deutschland bis zur 12. Woche möglich ist und ebenfalls, daß sie in ihrer Praxis diese Leistung ebenfalls anbietet.

Sie selbst sagte dazu: „Es ist doch niemand für Abtreibungen (…) Weder ich noch die Frauen, die zu mir kommen.“ Es gebe aber Situationen, in denen eine Frau eine Abtreibung brauche. „Es ist doch meine verdammte Pflicht, diese Frauen medizinisch zu versorgen.“ (TAZ 29.10.17)

Da nun ein Arzt auch für einen Schwangerschaftsabbruch sein reguläres Honorar nimmt, wäre der Hinweis gemäß einigen Anwälten auf solche Eingriffe, durchaus als Werbung deutbar (Anwälte können halt, wenn es um Anklagen geht, spitzfindige Aasgeier sein). Somit würde sich jeder Arzt strafbar machen, der darauf verweisen würde. Ein Generalverdacht für Ärzte und der elendige Paragraph 219a gibt dieses durch seine Auslegemöglichkeit her. Dieses sorgt dazu, daß kaum ein Arzt offen zugibt, so etwas durchzuführen. Der beratenden Arzt darf nicht der durchführende Arzt sein, also man muss sich so oder so umschauen und dann wird man ziemlich alleine gelassen.

So befinden wir uns in Deutschland nach wie vor in einer sehr seltsamen Situation, die sich seit Jahrzehnten nicht verändert hat. Es ist schwer einfach mal eine Klinik, oder einen Arzt zu finden, an den man sich in seiner Notlage richten kann (und die Uhr tickt, im wahrsten Sinn des Wortes). Offizielle Anlaufstellen zu finden ist schwieriger als man denkt und sollte man einfach mal googeln, hat man schnell die Seiten der Abtreibungsgegner. Nach wie vor hat es den Beigeschmack des verruchten und illegalen, denn immerhin begeht man eine Straftat, über die sich so wenig Ärzte offen äußern.

Nach wie vor halten sich die meisten Parteien ein wenig zurück, wenn es darum geht, die Gesetzeslage zu ändern und sind wir ehrlich, die Thematik wird sehr selten offen besprochen und noch seltener durchleuchtet. Sollte es dennoch mal wieder aktueller werden, lassen Demonstranten wie der „Initiative Nie wieder“ ihre (nicht brennenden) DEU BB Protest Abtreibungweißen Kreuze mahnend nach oben heben und sie ziehen auch locker Vergleiche von Schwangerschaftsabbruch und dem Holocaust (kein Scherz). Sich keiner ekelerregenden Rhetorik zu schade prangern sie geifernd an, vollkommen vergessend, daß es sie so gar nichts angeht (an dieser Stelle sei mal gesagt, daß man auf deren widerlichen Seiten ziemlich vollständige Listen der Ärzte und Kliniken findet, welche Schwangerschaftsabbrüche durchführen).

Es ist niederschmetternd wie rückständig wir in Deutschland bei diesem Thema sind. Wie unglaublich ignorant und heuchlerisch.

Zeit, daß es sich endlich mal ändert. Paragraph 219 gehört einfach gestrichen und über §218 sollte noch einmal stark diskutiert werden, ob er so weiterhin bestand haben sollte.

 

Three Billboards Outside Ebbing, Missouri

Kohlhaas Attitüden anyone?

 

aka:

Three Billboards

Handlung:

Sieben Monate ist es nun her, daß die Tochter von Mildred Hayes (Frances McDormand [„Mississippi Burning“, „Fargo“, Aeon Flux“]) unweit ihres Elternhauses außerhalb von Ebbing, Missouri vergewaltigt und danach verbrannt wurde. Es gibt zwar DNA Spuren, aber die passen zu niemanden in der Datenbank. Sieben Monate, keine Verhaftung. Es wirkt so, als wären die Ermittlungen auf Eis gelegt worden. Also steht Mildred eines Tages im Büro des Anzeigenverkäufers Red Welby (Caleb Landry Jones) und mietet die drei Billboards, die seit dem Bau der Umgehungsstraße unbeachtet in der Gegend herumstehen.

Die drei Aufschriften der Plakatwände sind simpel und dennoch voller anprangernder Kritik.

„Raped While Dying“, „Still No Arrests?“ und zuletzt „How come, Chief Willoughby?“. Mit dieser Aktion provoziert Mildred vollends absichtlich eine Situation des Drucks und Gegendrucks in der provinziellen Kleinstadt.

Chief Willoughby (Woody Harrelson [„True Detective“, Natural Born Killers“, „Tribute von Panem“]) findet die taktlose Kritik ein wenig zu hart, immerhin hat er seines Erachtens alles getan, um den Täter zu finden. Er sucht eher das versöhnliche Gespräch mit der Mutter, welche sich immer mehr in ihrem Kampf verbeißt. Der Rest der Kleinstadt schaltet sogar auf direkten Widerstand. Sie zeigen ihre Ablehnung gegenüber die Aktion mehr als deutlich. Chief Willoughby ist beliebt (immerhin bedient er ja auch jedes Klischee eines Kleinstadtsherriffs), zudem ist er an Krebs erkrankt und die letzten Monate sollte er doch in Frieden leben können, anstatt so in der Öffentlichkeit kritisiert zu werden.

Für den zurückgebliebenen, dafür jähzornigen Officer Jason Dixon (Sam Rockwell [„Die Ermordung des Jesse James durch den Feigling Robert Ford“, „7 Psychos“, „Galaxy Quest“]), nebenberuflich Alkoholiker ist es sogar eine eindeutige Kampfansage, die er, bewaffnet mit einem sehr locker hängenden Schlagstock und einer irgendwie verlegten Polizeimarke bereitwillig annimmt. So ist es gar nicht verwunderlich das es nicht all zulange braucht, bis in dieser idyllischen Kleinstadt mit ihrem alltäglichen Rassismus und Polizeigewalt irgendwann der erste Molotowcocktail fliegt.

Rezension:

Es braucht eigentlich keine 5 Minuten, keine 5 sehr, sehr ruhige Minuten muss man ehrlicherweise sagen, daß man anfängt sich zu fragen, was man da eigentlich sieht. Ein Drama? Eine Tragödie? Satire? Eine Komödie?

Die Antwort ist ja. Von allem etwas und davon eine Menge.

Martin McDonagh („Brügge sehen… und sterben?“, „7 Psychos“) inszeniert mit „Three Billboards outside Ebbingen, Missouri“ (bevor ihr googled, der Ort ist fiktiv) erneut eine beinahe zu perfekte, bitterböse, schwarze Komödie. Wenn auch seiner Meinung nach nicht gewollt, ein Film welcher ziemlich passend das heutige Gefühl des unterschwelligen Hasses einfängt. Dieses gefüllte Fass, bei dem nur noch der letzte, kleine Tropfen fehlt.

Alles an diesem Film ist bis ins letzte kleine Detail durchdacht. Jeder noch so kleine Handlungsstrang (z.B. als der unter Mikrosemie leidende James [Peter Dinklage] mit Mildred anbändelt, aber als „schlechte Partie“ einen Korb erhält) ist durchdacht und hat einen doppelten Boden. Selbst der Soundtrack wurde auf jede einzelne Figur komponiert und verändert sich mit ihr. So wirkt Ebbingen auf den ersten Blick genau so, wie man sich eine amerikansiche Kleinstadt halt vorstellt. Geschäfte direkt an der Hauptstraße, eine kleine Schule, unschuldige Bürger, die einfach nur ihre Arbeit machen wollen; aber das wird sehr schnell durch beinahe strukturellem Rassismus im Sherriffbüro, häusliche Gewalt, Alkoholismus, Sexismus und Hass aufgefüllt. Natürlich hilft es da nicht, wenn Mildred in ihrem leicht fleckigen Blaumann, mit funkelnden Augen und eiskalter Miene (ein Mix aus Anton Chigurh und Dirty Harry), den Finger tief in die klaffende Wunde presst.

Kein einziger Charakter ist eindimensional gezeichnet, jeder hat seine Geschichte, welche schlüssig in dieses sehr seltsame Mosaik passt und es abrundet. Beinahe ein wenig zu perfekte Dialoge, welche ganz kurz davor sind in Slapstick zu verfallen, da die schnellen Witze ein wenig zu pointiert sitzen, werden jäh mit ungeschminkt brutaler Ironiefreiheit garniert.

Das so etwas überhaupt funktionieren kann, verdankt der Film nicht zuletzt der grandiosen schauspielerischer Leistung der Hauptcharaktere. Frances McDormand und Sam Rockwell, beide für diesen Film mit einem Oscar nominiert (die Golden Globes haben sie schon), transportieren das ungewöhnliche Werk auf ein schwer zu erreichendes Podest. Ein absoluter rassistischer Unsympath, die Reinkarnation des Muttersöhnchens mit einer Schusswaffe, welcher nur nicht gefeuert wird da halt in dem Städtchen beinahe jeder Polizist „Nigger hasst“ bis auf drei “und die hassen Schwuchteln” und die nicht wankende, sich immer mehr isolierende, rachdürstige Mutter.

Die Plakatwände dienen dabei lediglich als McGuffin. Sie sind zwar da, aber eigentlich geht es primär nicht um sie, ja, nicht einmal mehr um die Aufklärung des Verbrechens. Sie dienen lediglich als Motivator von Hayes, die ihren Glauben an die Institutionen verloren hat, sich machtlos und bestraft fühlt (von ihrem Mann geschlagen, bis er sie für eine neunzehnjährige sitzen lässt) und nun ihren eigenen, rücksichtslosen Weg geht und jedem zwischen die Beine tritt, der ihr dabei im Weg steht (selbst wenn es eine Frau ist). Ein kaltes Rachedrama mit einer gehörigen Priese bitteren Humors, welches ganz bewusst mit der Sympathie zur Primitivität spielt. Dabei wird der Zuschauer zwischen Lachen und nackter Beklemmung hin und her geworfen. Erfüllter Erwartung und unbefriedigter Gier und das buchstäblich bis zum letzten Satz.

Vollkommen zurecht sahnte „Three Billboards outside Ebbingen, Missouri“ vier Golden Globes ab (die unwichtigen… bester Hauptdarsteller, bester Nebendarsteller, bestes Drehbuch, bester Film [für Regie und Filmmusik war er ebenfalls nominiert]) und geht mit sieben Oscrnominierungen im März ins Rennen.

Vier von fünf Sternen.

Das ist neu, das kann weg. Star Trek: Discovery

Wer kennt nicht dieses erste Gefühl, wenn man sich einen neuen Star Trek Trailer anschaut. Man ist aufgeregt, bevor man auch nur irgendetwas gesehen hat, wird diskutiert, gemutmaßt, gar interpretiert. Ich würde mich zwar sehr gerne aus der Gleichung kürzen, aber ich bin so gaaar kein Deut besser.

Ein Teaser ist zu sehen und ZACK wird er auseinander genommen. Nicht nur die beiden Mädels, welche sehr, sehr oft zu sehen sind. Es wird über die Brücke, die Uniformen, das Delta (bei denen sich so einige Fans uneinig sind ab wann es wirklich das Zeichen der Starfleet wurde, oder ob es ursprünglich nur ein Zeichen der Enterprisecrew war [oder von Deepspacemissions] und erst nach der erfolgreichen 5 Jahres Mission von Kirk zum offiziellen Zeichen der Starfleet wurde [… sagen einige… ich weiß davon nichts… bin ja kein Nerd]) und wie es aussieht, neue Rassen, die Technik, die Warpgondeln (!) philosophiert (nicht Trekkis… Stinos, sozusagen, wären überrascht wie lange sich Fans über das Intro alleine unterhalten können).

Eines war aber auffällig: Nachdem Projekte wie Cpt. Sulu, die Titanreihe, Horizon, Phoenix (einige von ehemaligen Darstellern [wie Michael Dorn <bekannt aus seiner Shampoowerbung {oder halt der Schauspieler mit den meisten Auftritten in Star Trek}>], Jonathan Frakes, William Shattner, Walter Koenig… die unwichtigen halt [und einige waren heiß erwartet]) nicht durchgeführt oder einfach auf Eis gesetzt wurden, kam man auf den Gedanken ein (weiteres) Prequel zu machen!

Freude….

Kommen wir zu einem mehr als notwendigen Exkurs und greifen zu einigen Eckdaten (denn…. so arbeiten Nerds [habe ich mir sagen lassen]):
ST TOS: Erstausstrahlung 08.09.1966. Jahreszahl in der Serie 2254 (The Cage), dann 2265-2269 (also 300 Jahre ab in die Zukunft.

Die Klassikfilme (6 Stück, Entstehungsdatum 1979-1991) spielen von 2273-2293 (halt ebenfalls ca 300 Jahre in der Zukunft, einigermaßen chronologisch).

ST TNG: (1987–1994 ) Serienzeit 2364-2370

ST DS9: (1992-1999) 2369-2375

ST TNG Filme: (1994-2002) 2371-2379

ST VOY: (1994-2001) 2371-2377

So weit, so gut. Es geht halt voran! Dieses ergibt nicht nur bei den Effekten einen Sinn, sondern erklärt auch, warum es auch innerhalb der Serie immer mehr Spielereien gibt. Musste Kirk sich noch jedes mal eine neue Alienfrau aufreissen, konnte Janeway sie einfach im Holodeck erzeugen (also bei ihr waren es dann halt Kerle). In der wirklichen Welt versuchte derweil ein Steve Jobs die PADDs und LARSs zu kopieren (und sie 2007 auf den Markt zu schmeissen).
Da Star Trek eigentlich auch immer eine kleine Reflexion des aktuellen Geschehens war, konnte man sich doch immer ein wenig in den Serien wiederfinden. Ebenfalls bedeutete es allerdings auch für Menschen in meiner Generation, als man endlich lernte das die Realität nervt und sich eher vor einer Glotze setzte (die man manuell einschalten musste… die hatte drehbare Knöpfe!!!) um andere beim Reisen zuzusehen, es geht beinahe ohne Unterbrechungen weiter in die Zukunft.

Sollte sich dann 2001-2005 ändern. Mit Enterprise sprang das Franchise plötzlich zurück und dachte sich wahrscheinlich, was Star Wars kann, das können wir auch. 2151-2155 war plötzlich das Datum und obwohl die NX-01 WEITAUS moderner aussah als jedes andere Schiff zuvor, sahen wir zum ersten Mal die Menschen beim tatsächlichen Erstkontakt mit…. ALLEM! Ohne Traktorstrahl, ohne Schilde, ohne Generalübersetzer (der Klingonisch nur übersetzt, wenn es keinen dramaturgischen Effekt hat) und einer abenteuerlichen Krankenstation tuckelte man durchs All. Halt ein kurzer Blick zurück. Kann man einmal machen.

War so erfolgreich, daß es danach zum ersten Mal eine Unterbrechung in den Produktionen gab und erst 2009 sollte wieder eine Enterprise (nein…. kein neues Schiff) auf die Leinwand kommen. Sagte ich Enterprise? Ja. ABER nicht irgendeine… sondern das mehr oder minder gänzlich überarbeitete Original und mit ihr, eine Neuversion der ursprünglichen Crew. Es gab einfach einen Reboot!

So langsam können wir diesen Exkurs beenden, denn nun kommen wir zum nächsten Schritt…. erneut (!) geht es (leider) nicht weiter, sondern VOR Kirk!

Star Trek scheint wirklich Angst zu haben, einfach weiter in die Zukunft zu gehen. Ein wenig paradox das ein SciFi-Franchise Angst zu haben scheint, weiter in die Zukunft zu gehen, aber es ist halt so.

Und da sind wir halt. Auf der USS Discovery… nicht (da wir einfach nicht auf dem Schiff sind und nicht nur wir [was geil wäre], sondern auch die Charaktere nicht [was… naja… seltsam ist])!

Aber es wird mal Zeit über die Geschichte der ersten beiden Folgen (von 13 und zum ersten Male keine Stand-Alones) zu reden und dem mehr oder minder abgeschlossenem Prolog für die Serie.

Wir schreiben das Jahr 2256 (~zehn Jahre vor Kirks mehr als berühmter 5 Jahresmission). Hauptcharakter (… ja… es gibt einen) ist Michael Burnham (Sonequa Martin-Green [einigen vielleicht aus The Walking Dead bekannt [Sasha <wollte an Negan knabbern…. tot>]). Michael, welche nach der Ermordung ihrer Eltern durch Klingonen auf Vulkan aufwächst, aufgezogen von Sarek (Spocks Vater) und der erste Mensch der je die vulkanische Akademie der Wissenschaften erfolgreich absolviert hat dient als erster Offizier (#1 *sfz) auf der USS Shenzhou, unter Cpt. Georgiou (Michelle Yeoh [James Bond – Der Morgen stirbt nie, Tiger and Dragon]). Der Rest der Geschichte ist erschreckend schnell erzählt. Die Shenzhou fliegt zu einem defekten Kommunikationssatelliten (am Rande der Föderationsgrenze, direkt am klingonischen Reich). Unabsichtlich entweiht Burnham ein heiligen Artefakt (da sie auf ihm herumläuft). Wird von dessen Behüter angegriffen und in dem daraus resultierendem Kampf, tötet sie ihn. Damit haben wir auch schon seit Jahrzehnten den ersten Kontakt zu den Klingonen. Diese streiten sich eigentlich noch, wer von den 24 Häusern das Reich eigentlich führt, aber ein Krieg kann ja auch einigen.
Georgiou macht das, was die Sternenflotte halt so macht. Sie ruft das fremde Schiff und wartet. Ihr erster Offizier sieht das anders und möchte direkt schießen. Dieses führt gar zur Meuterei. Diese wird zwar verschlagen, aber dann feuern auch mal die Klingonen. Nachdem man nun auch mit der lästigen Diplomatie durch ist, folgen mehr Tote als man es bei einer erste Folge im Star Trek Universum erwarten würde.

Hurra, die Föderation befindet sich im Krieg.

Willkommen zur ersten Folge!

Es fallen gewisse Dinge sofort auf: Das Intro der Serie ist zwar sehr hell (in der Vergangenheit sah man Raumschiffe durchs All fliegen, Sterne…. nun eher Konzeptskizzen), dafür ist die Musik grottig (ich sagte ja… Trekkis können sich über so etwas aufregen).

Die Crew ist so bunt gemischt wie noch nie. Frauenquote ist mehr als penibel eingehalten, beinahe jede Hautfarbe ist zu sehen (niemand ist über 60 [und die einzige die es ist, der sieht man es einfach nicht an]), so viele Außerirdische sah man auf einer Brücke selten. Ebenfalls fällt auf, wie verflucht gut das Ganze aussieht. Ohne Scherz, die Serie muss sich wenn es um Effekte geht, hinter kaum einen Kinofilm verstecken. Liebevoll werden nicht nur die Schiffe, sondern auch der Weltraum und Ausnahmeerscheinungen (das Doppelsternsystem ist wirklich eine Schönheit) dargestellt.
Ein Freund beschrieb es passend: Es wirkt so als wenn sich wirklich im Weltraum sind und nicht mit einem Sofa im All unterwegs wären.

Wie zuvor bei Enterprise erweckt es halt wirklich den Eindruck, das die riesigen Schiffe der Föderation nicht nur schweinsteuer sind, sondern auch Funktionen haben müssen. Die reisen da halt nicht nur zum Spaß hin! Ebenfalls sieht man bei fast allem den praktischen Sinn dahinter. Anders als in vielen vergangenen SciFi Filmen und Serien hat der Raumanzug einen Sinn. Er ansich gibt schon Informationen von sich und dem Wesen in ihm preis. Gleiches macht das Schiff und der Schiffscomputer. Die dargestellten Konsolen sind nicht nur sinnlose, übergroße Smartphones, sondern eher funktionierende Arbeitsstationen. Ebenfalls kann man ohne Schwierigkeiten erkennen, daß WIRKLICH viel Geld für die Outfits und Maske ausgegeben wurde, denn man hat so gar keine Probleme zu glauben, wie ein bunter Mix aus Allem auf einem Schiff aussehen könnte (an dieser Stelle muss Doug Jones [Saru] hervorgehoben werden, welcher durch seine einmalige Körperhaltung [er ist ein Kontorsionist und kann das] durch die Maske hindurchspielt….).

Hätte man nun Darsteller unter den Klingonen gehabt die mit Zahnprotesen sprechen können, nicht den Belichter von J.J. Abrams (Lensflares) genommen und vielleicht gar eine Hauptdarstellerin mit…. besserer Mimik, hätte man darüber reden können, warum man eine Star Trek Serie unbedingt in einem Krieg spielen lassen muss. Zu einer Zeit, als die Föderation noch nicht das war, was wir eigentlich kennen. Dieser positive Punkt, wo Forscher einfach lustig durchs All schippen, sinnlos alles erforschen und kartographieren. Sich Gedanken machen, wie eine androgyne Gesellschaft funktioniert, warum sich xy mit 60 umbringen muss, wieso Genexperimente nicht immer so prall sind, ab wann Leben wirklich Leben ist, wann ein Furby… äh Tribble mal satt ist und warum stets Sicherheitsprotokolle von Holoprogrammen ausfallen.

Allerdings…. sagte ich in der Überschrift schon etwas, was für Star Trek leider beinahe normal ist. Das ist neu, das kann weg.

Bislang hat die Fangemeinde stets auf Neuem rumgehauen (man spreche einfach mal Marina Sirtis (das war die Frau die…. fühlt) an, wie sie ihre ersten Conventions empfand [Trekkis der ersten Stunde hassten TNG…]) und vielleicht sollte man lernen durchzuatmen (sagte der Kerl der über zwei Seiten über eine Doppelfolge tippt).

Natürlich sollte man alle gezeigten Klingonen sofort entlassen (oder ihr Tonspur ohne Prothesen einsprechen lassen, die Finger von den Soundeffekten lassen und einfach über die Filmspur legen [sorry, aber mit nuschelnden Klingonen habe ich meine Probeme]), bissl mehr Substanz anstelle Aktion zeigen (schaut euch mal die besten ST Folgen an…. da kommen herzlich wenig Special Effekt drin vor [da… die damals zu teuer waren, aber das ist ein ganz anderes Thema]) und mehr von den anderen Charakteren, anstelle nur Burnham zeigen und zack.

Oh… und ähm… klar… den richtigen Captain vorstellen, das richtige Schiff und dessen Crew… beinahe hätte ich diese unwichtigen Punkte vergessen.

Wir haben als Trekkis halt eine neue Erzählform vor uns…. lernen wir es erst einmal kennen, bevor wir nun jede Fackel entzünden und das Dorf aufstacheln, zur Mühle zu ziehen.

Potenzial hat die Serie auf alle Fälle. Schönheitsfehler können beseitigt werden und das neue Team muss sich so oder so erst einmal einspielen. Mal sehen was so die Zukunft bringt.

Sehenswert ist Star Trek: Discovery auf alle Fälle und wer weiß, vielleicht wird die Serie sogar richtig, richtig gut.